Deutscher Archivtag Cottbus 2002
Gemeinsame Arbeitssitzung -
Archive und Öffentlichkeit
Prof. Dr.
habil. Volker Wahl
Der Tag der Archive 2001 - Ein
Erfahrungsbericht (Thesenpapier)
Nach den vom Vorstand des VdA ausgehenden
Anregungen für einen bundesweiten TAG DER ARCHIVE wurde dieser erstmalig am 19.
Mai 2001 als eine besondere Form der Informationstätigkeit und
Öffentlichkeitsarbeit der Archive durchgeführt. Der VdA hat seine Beweggründe
für eine solche Veranstaltung und die mit ihr verbundene Zielstellung offensiv
vertreten (publizistisch in „Der Archivar", kommunikationstechnisch auf
der Internet-Homepage des VdA). Er hat verbandsintern (Deutsche Archivtage 1999
und 2000, Vorstandsmitteilungen) und öffentlichkeitswirksam in Aufrufen,
Pressemitteilungen und anderen Informationsangeboten sowie mit verschiedenen
Hilfsmitteln (Plakat, Flyer, schriftliche Handreichungen) die Archive als
Veranstalter vor Ort unterstützt. Es kam auf die Archive selbst an, die
spezifische Veranstaltungsform für eine erfolgversprechende Gestaltung und
Durchführung des TAGES DER ARCHIVE zu finden.
Der diesjährige TAG DER ARCHIVE hat seinen
beabsichtigten Zweck erfüllt. Ob er künftig regelmäßig neben die bisherigen
traditionellen Veranstaltungsformen des VdA – Fachkongress DEUTSCHER ARCHIVTAG
und Fachmesse ARCHIVISTICA – treten wird, ist nach sorgfältiger Auswertung
der Fragebogenaktion des VdA und erneuter Bewertung von Zielstellung und
Funktion einer solchen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltung zu beantworten.
Dazu soll die Arbeitssitzung „Archive und Öffentlichkeit" Gelegenheit
geben. Sie findet allerdings nach der Mitgliederversammlung des VdA statt und
hat demzufolge keinen beschließenden Charakter. Die Auswertung auf der
Grundlage der eingegangenen Antworten zum Fragebogen des VdA und die Diskussion
im Plenum werden nur ein Stimmungsbild abgeben, können jedoch Tendenz und
Richtung deutlich machen. Auch wenn diese nicht als Abstimmung zu werten sind,
sollte am Schluss der Arbeitssitzung ein grundsätzliches Votum für oder gegen
den TAG DER ARCHIVE ausgesprochen werden, das für den neuen Vorstand des VdA
richtungsweisend ist.
Die Fragenkomplexe des VdA-Fragebogens
konzentrieren sich auf Statistik und Bewertung der Aktivitäten der Archive
selbst sowie auf die Unterstützung des VdA. Abschließend wird von den Archiven
die grundsätzliche Beurteilung aus den Erfahrungen des diesjährigen TAGES DER
ARCHIVE erbeten. Die Ergebnisse der Auswertung zu den einzelnen Fragen werden
statistisch (zahlenmäßig oder prozentual) aufbereitet. Unabhängig von den
hier formulierten Fragestellungen sind für die Weiterverfolgung einer solchen
besonderen Veranstaltungsform Antworten zu folgenden Problemen zu geben:
1. Zielstellung und Funktion des TAGES DER
ARCHIVE
Informationsveranstaltung (archivspezifisch)
Ereignis- oder Schauveranstaltung (bei der das Archiv nur Ort und Rahmen bildet)
Veranstaltung für die Allgemeinheit
Veranstaltung nur für spezifische Zielgruppen
2. Funktion des VdA
Anreger
Koordinator
zentraler Veranstalter
gemeinsame Trägerschaft mit Partnerbundesland (wechselnd)
3. Zentrale Aktivitäten des VdA
Pressekonferenz
Auftaktveranstaltung
4. Thematik
Rahmenthema (historisch oder archivfachlich)
5. Schirmherrschaft
zentral durch eine wissenschafts- bzw. kulturpolitische Persönlichkeit
regional (auf Landesebene)
lokal
6. Identifikationsmuster (sprachlich und
bildlich)
Bezeichnung (bisher TAG DER ARCHIVE)
Motto
Logo
Plakat/Poster
7. Kooperation über das Archivwesen hinaus
zentral (z.B. mit Internationalem Museumstag)
lokal (mit anderen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen)
8. Frequenz
jährlich wie Deutscher Archivtag
regelmäßig in größeren Abständen (von zwei oder mehreren Jahren)
unregelmäßig (nur aus besonderen Anlässen)
9. Zeitpunkt
Jahreszeit
Tag
10. Internationale Kooperation
Europäischer Tag der Archive
Mit den hier zusammengestellten Problemkreisen
soll die Diskussion darüber angeregt werden. Die aufgeworfenen Fragen sind nur
teilweise eindeutig zu beantworten. Die Antworten werden aus der Sicht eines
jeden Archivs und seiner bisherigen Erfahrungen und künftigen Möglichkeiten
unterschiedlich ausfallen. Als Grundkonsens kann sicher schon jetzt festgehalten
werden, daß ein bundesweiter TAG DER ARCHIVE geeignet ist, den Stellenwert der
Archive in der Gesellschaft bei der Bewahrung von Kulturgut für die Erforschung
der Vergangenheit und das Verständnis für die Gegenwart stärker zu
verdeutlichen. Er wird allerdings immer vom Engagement der Archive vor Ort, von
deren personellen und materiellen Möglichkeiten sowie von der Akzeptanz der
angebotenen Veranstaltungen durch die Besucher leben.
(Dr. habil. Volker Wahl,
Thüring. Hauptstaatsarchiv, Weimar)
Dr.
Clemens Rehm
Vom Haushaltstropf zur Sponsorenquelle:
Spenden - Freunde - Fördervereine
Prolog
Von einem traditionsreichen Archiv wird
eine Tagung in einer alten, im Mittelalter bedeutenden Stadt organisiert, die
auch heute noch den Charme ihres historischen Zentrums bewahrt hat. Die
örtliche Sparkasse wird schriftlich um Unterstützung zu den 20.000 DM
Tagungskosten gebeten. Sie sagt freudig zu: 500,- DM, den Routinebeitrag, den
auch jede Ausgabe der örtlichen Schülerzeitung erhält ...
Da ist einiges falsch gelaufen, aber was
?
1. Der Lockruf des Geldes. Knappe(re) öffentliche Gelder
Seit Jahrzehnten beginnen Artikel und Beiträge
zur Handlungsfähigkeit nicht nur des Archivwesens mit dem Hinweis auf
reduzierte Ressourcen bei wachsenden Aufgaben: Ein Generaltopos, dessen dauernde
Beschwörung an der Tatsache selber nichts ändert und dem Unternehmen der
Wirtschaft mit Kreativität und Produktivitätssteigerung begegnen müssen, um
ihre Existenzberechtigung nachzuweisen. Diese Urängste sind Archivaren fremd,
der Bestand ihrer Institution ist durch Gesetz oder Satzung gesichert – aber
für viele Projekte reicht das nicht mehr aus.
Schlüsselwort Fundraising
Unvoreingenommen neue Wege ausprobieren, hieß
und heißt für Archivare sich vorsichtig dem Spendenmarkt zu nähern. Ein Brief
wird geschrieben - wie im Eingangsbeispiel - und man freut sich bei aller
Enttäuschung über die kleine Summe, die mit wenig Aufwand eingetrieben wurde.
Eine vorsichtige Anfrage anläßlich eines Empfangs bei örtlichen
Wirtschaftsgrößen oder Firmen, die im Kontakt mit dem Archiv stehen. Brosamen
fallen da allemal ab. Eine der den Kulturtreibenden und natürlich auch den
Archivaren kaum bewußte Tatsache ist, daß sowohl der Bereich Fundraising –
also das Einwerben von Mitteln – als auch Spenden und Sponsoring – also das
Einsetzen von Mitteln - heute ein professionell bearbeiteter Wirtschaftssektor
ist. Wenn von Fundraising bei sogenannten Non-Profit Organisationen - zu denen
auch die Kultureinrichtungen wie Archive zählen - die Rede ist, denkt jeder
unwillkürlich an soziale und karitative Einrichtungen. Ein Blick in die
Literatur und die Fachzeitschriften zeigt, dass die intensive Diskussion zum
Fundraising in Deutschland in den 90er Jahren unter den drei Fundraising-K Kinder,
Kirche, Katastrophen eingesetzt hat. Systematisches Einwerben von
Drittmitteln für Kulturinstitutionen ist erst in den letzten Jahren in den
Blick geraten. Angesichts der Gelder, die im deutschen Spenden- und
Sponsorentopf zur Verfügung stehen, kann man sich nur wundern, warum das nicht
eher geschehen ist. Allein von der Industrie standen für kulturelles Sponsoring
2000 je nach Quelle 600-650 Mio. DM zur Verfügung -Tendenz steigend.
Konsequenz 1: Erwartungshaltung: Fundraising
Die Fakten über das Volumen der Sponsorenmittel sind aber sehr wohl den
politischen Entscheidungsträgern bekannt. Die politische Diskussion um die
Privatisierung öffentlicher Aufgaben lässt sie bei jeder passenden und
unpassenden Gelegenheit nach der Möglichkeit der Auslagerung bzw. nach der
Chance der Finanzierung durch Fremdmittel fragen. Mit diesen Erwartungen müssen
sich die Archivare auseinandersetzen – ob sie es wollen oder nicht.
Konsequenz 2: Fundraising Thema für Archive
Vorträge in Fachgruppen der Archivtage in Dresden zum Komplex
"Förderverein" und über "Sponsoring" in Nürnberg zeigen
des Beginn der Diskussion. Im Fundraising Magazin, einer seit 1996 erscheinenden
Zweimonatszeitschrift für Non-Profit Organisationen tauchen erst 1999 und 2000
regelmäßig Beiträge zum kulturellen Sponsoring auf, beginnend mit dem erster
Kongreß in Köln 1999. Hier haben vor allem Museen und Kunstsammlungen mit
ihren Ideen und Vorstellungen Erwartungen bei den Geldgebern geweckt, die nicht
unbedingt mit Zielen der Archive übereinstimmen: Z.B. scheint die Behauptung,
Sponsoren dürften und müßten bei Projekten ihre Ideen einbringen und
mitreden, zumindest auf den ersten Blick bei Projekten zu Kernfunktionen der
Archive problematisch. Für diese Diskussion müssen die Archive ihre Position
entwickeln und einbringen.
2. Erste Abenteuer
In den USA, wo Zuwendungen von Privat an
Kulturträger eine lange Tradition haben – und damit auch ihrerseits das
dortige Finanzierungssystem geprägt haben –, wurde einem Mäzen die Frage
gestellt, warum er sich nicht für Archive engagiere. Die Antwort lautete so
lapidar wie entlarvend: "Ich bin nicht gefragt worden."
Die Ursache für den späten Einstieg der Archivare in das Sponsorengeschäft
ist im Selbstbild der Archivare und der – vermeintlichen – allgegenwärtigen
Wertschätzung ihrer Arbeit zu suchen. Wer die ehemalige "juristische
Rüstkammer" der Herrschaft verwaltet, wer Zugang zu sämtlichen Unterlagen
seiner Verwaltung hat, wer sich zu den Zentralfunktion des Staates oder der
Stadtverwaltung zählt, verlässt sich erst einmal auf die Pflicht der
öffentlichen Organisation, diese archivischen Aufgaben auch zu bezahlen. Das
Angehen der neuen Finanzierungswege beschränkte sich auf kleine Schritte:
Geld ...
Die ersten erfolgreichen Versuche von
Sponsoring gelangen in der Regel für Publikationen. Ein überschaubares Budget
war in einer klar definierten Zeit zusammenzubringen und dem bzw. den Sponsoren
konnte ein fertiges Produkt in die Hand gegeben werden. Letztlich war der den
Historikern aus der Buchherstellung vertraute Gedanke der Subskription ein wenig
weiter entwickelt worden.
Sachleistungen ...
Wer etwas flexibler dachte, fragte bei Ausstellungen oder Präsentationen
eine Firma, ob sie nicht ihre eigene Arbeitsleistung unentgeltlich oder
zumindest verbilligt einbringen könnte: Die Druckerei lieferte die
Einladungskarten zur Ausstellungseröffnung, ein Transportunternehmen ließ beim
Archivtag einen Exkursionsbus auf eigene Kosten laufen.
In den meisten Fällen wurde allein durch das Logo der Firma, ein Texthinweis
oder eine Anzeige der Sponsoren im gesponserten Objekt die finanzielle Beziehung
dokumentiert. Mit diesem Ereignis war die Beziehung erst einmal beendet.
Projektbezogene Aktivitäten
Alle Initiativen dieser Art fielen und fallen in die Kategorie punktueller,
projektbezogener Ereignisse, die einen Arbeitsaufwand erfordern, der bei jeder
neuen Aktion stets wieder bei Null beginnt.
Diese Art der Mittelbeschaffung wird zunehmend schwieriger, weil sich die
Professionalisierung des Spendenmarktes weit herumgesprochen hat und inzwischen
auch den üblicherweise angesprochenen mittelständischen, regional operierenden
Firmen diese kurzfristige Werbung zu wenig "nachhaltig" ist.
3. Die Finanzverwaltung schlägt zurück
Wer sich auf Expeditionen begibt, benötigt
zuhause weniger. Wer sich mit Sponsorengeldern schmückt, muss eine Reaktion
gewärtigen: Die der regulären Geldgeber. Auf der einen Seite hat sich der
Einwerber von Parlamenten und Haushaltsexperten Lob verdient, weil er sich
erfolgreich genauso verhalten hat, wie die Sparkommissare es von ihm erwartet
haben. Auf der anderen Seite ist das der willkommene Anlass, die regulären
Etatmittel zu kürzen.
Minderung der öffentlichen Mittel
Es wird in der gesamten Diskussion um Sponsorengelder in der Tat immer
wieder darum gehen, den Spagat zu schaffen: neue Wege der Finanzierung zu gehen
und dennoch gleichzeitig die Verwaltung nicht aus ihrer Pflicht und
Verantwortung der Grundfinanzierung archivischer Aufgaben zu entlassen.
Dieser Fluchtversuch der Finanzverwaltung kann bei Archiven gelingen, weil
unsere Institutionen nicht sosehr im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen und
dementsprechend öffentliche Diskussionen nach Mittelkürzungen meist
ausbleiben. Museen und Bibliotheken – ich denke hier an die Abschaffung des
freien Eintritts in baden-württembergischen Landesmuseen - haben es aufgrund
des erheblichen intensiveren Publikumsverkehrs deutlich einfacher. Zudem bietet
sich dort alle paar Wochen bzw. Monate die Gelegenheit bei einer
Ausstellungseröffnung dem Kulturbürgermeister oder Staatssekretär die eigene
Position vor geladenen Gästen zu verdeutlichen.
Belohnung für erfolgreiches Sponsoring
In die Diskussion sollte vielmehr die in einigen Bibliotheken geübte Praxis
eingebracht werden, dass erfolgreiches Einwerben von Fremdmitteln mit
zusätzlichen Mitteln belohnt wird. Das verlangt Umdenken in der zuständigen
Finanzverwaltung.
Mittelfreigabe nach Einwerbung von
Komplementärgeldern.
Problematisch wird dies erst, wenn
Freigabe der regulären Mittel an die Erbringung von komplementären
Sponsorenmitteln (Matching) gekoppelt wird.
Sündenfall - als Chance
Den mit erfolgreichem Sponsoring
begründeten Rückzug öffentlicher Stellen aus der Finanzierung von
Kernbereichen unserer Arbeitsfelder habe ich noch vor drei Jahren - vehement von
Bibliotheks- und Archivvertretern unterstützt - als nicht hinnehmbar
bezeichnet. Dieser absehbare und teilweise begonnene Rückzug bedeutet, daß
sich die Gesellschaft ihres Auftrags und ihrer Verantwortung für diesen
Kulturbereich entzieht. Die Zeit ist über die Position - man mag das bedauern -
hinweggefegt. Längst ist die Finanzierung von Ankäufen in Museen, aber
inzwischen auch die Finanzierung von Restaurierungsmaßnahmen in Archiven durch
Sponsoren an der Tagesordnung. Der Förderverein des Generallandesarchivs hat es
jahrelang vermieden, Archivalienrestaurierung zu finanzieren: Nur für die
Sicherung des Bibliotheksgutes wurden Buchpatenschaften angenommen. Als dieses
Jahr aber ein Sparkassenvorsitzender in den Ruhestand verabschiedet wurde, haben
wir die 5.000 DM für die Restaurierung eines badischen Lehenbuches angenommen.
Die reine Lehre, für archivische Kernaufgaben nur reguläre Haushaltsmittel zu
verwenden, ist heute nicht mehr durchzuhalten. Für die Archive heißt dies, die
neue Herausforderung anzunehmen und sich den veränderten Bedingungen zu
stellen.
4. Die Fallen
Selbst wenn nun diese Klippen in der
Finanzverwaltung umschifft wurden, Sponsoring-Erfolge erzielt wurden und der
Jubel über die ersten Mittel verklungen ist, sollte die Nüchternheit
überwiegen, denn manches Gold könnte sich schnell als Danaergeschenk erweisen.
Nicht zu übersehen sind die Fallen, in die man – ohne böse Absicht –
unbedarft stolpern kann.
Einige Beispiele aus der Museumswelt, die aber leicht übertragbar sind:
Direkte Einflussnahme des Sponsors
Die erste Falle ist so banal – dass man
sich fast nicht traut, sie zu nennen: der massive Versuch der Geldgeber, eigene
Interessen durchzusetzen. Bei der Barbie -Ausstellung in Bruchsal wirkt allein
schon die Einladung wie eine einzige Werbeanzeige von Mattel. Genannt seien auch
die mit Firmenanzeigen finanzierten "Kreisbücher" zur Geschichte der
Landkreise, in denen dann als Gegenleistung in den Abschnitten zu den
Firmengeschichten bestimmte historische Zeiträume ausgespart werden sollten.
Vorauseilender Gehorsam
Selbstverständlich gehört es inzwischen
zum guten Ton, ja es ist ein wesentliches Element des Imagegewinns eines
Sponsors, nach außenhin dem Geförderten freie Hand zu lassen. Überprüfbar
ist dies letztlich nicht. Immerhin hat die ‘Die Tabakzeitung’ bei der
Rezension der Ausstellung ‘Tabak ABC’ des Badischen Landesmuseums angemerkt,
daß bei der Geschichte der Fa. Roth-Händle, Lahr deren Arisierung nicht
erwähnt worden sei. Nur vergessen oder bewußt verschwiegen ...? Zumindest
Fragen bleiben, weil die Nicht-Einflußnahme grundsätzlich nicht bewiesen
werden kann.
Vereinnahmung durch "Umarmung"
Fast unbemerkt bleibt in der Regel, dass
bei einer gesponserten Kooperation Personal- und Infrastruktur einer Institution
gebunden werden und andere Themen nicht mehr bearbeitet werden können. Die
Ausstellung "100 Jahre elektrisierte Gesellschaft" wurde gesponsert
durch das Energieunternehmen EN-BW zu deren 100jährigen Jubiläum. Wer sponsert
25 Jahre erfolgreiche Verhinderung des Kernkraftwerks Wyhl ? Ein Sponsor bindet
aufgrund des Einsatzes seiner ökonomischer Mittel Teile der öffentlichen
Infrastruktur und beeinflusst letztlich im historisch/archivischen Raum die
Dokumentation der Erinnerung.
5. Den Claim abstecken
Fundraising ist Marketing
Es ist also blauäugig, Fundraising als ertragversprechendes Hobby von
engagierten Archivaren zu betrachten. Fundraiser ist ein inzwischen stark
gesuchter eigenständiger Beruf. Die professionellen Wurzeln dieses Sektor
werden einem bewusst, wenn man sich den Namen des Vereins vor Augen hält, in
dem sich die Organisationen im Non-Profit-Bereich organisiert haben: Gesellschaft
für Soziales Marketing.
Es geht beim Fundraising für Archive darum, wie im Marketing, ein Produkt zu
beschreiben – eine Restaurierungs- oder Verpackungsmaßnahme -, es auf dem
Markt den potentiellen Spendern zu plazieren, Zielgruppen anzusprechen und deren
Mittel zu gewinnen. Fundraising ist "weder Betteln noch
Geldeintreiben", sondern Marketing.
Profil, Ziele und Leitbild
Archivische Leitbilder sind für andere
keine Selbstverständlichkeit. Dabei sind nicht Formulierungen über das
Befinden gefragt nach dem Motto "wir arbeiten gern", sondern präzise
Formulierungen der inhaltlichen Grundausrichtungen unserer Arbeit und unserer
Besonderheiten: Unser Profil, unsere Unverwechselbarkeit ist verlangt: Dies ist
die unverzichtbare Grundlage, potentielle Sponsoren anzusprechen: Die Region,
die Überlieferungsbildung im Land A, die Bestandserhaltung für die Archivalien
der Stadt B. Dabei kommt den Archiven zugute, dass sie eine Monopolstellung
innehaben, die ihnen niemand streitig machen kann - im Vergleich zu Museen oder
Theatern ein unschätzbarer Vorteil.
Öffentlichkeitsarbeit intensivieren
Mit diesem Pfund muß seitens der Archive
aber auch gewuchert werden. Ca. 40% der bundesdeutschen Bevölkerung sind nach
Umfragen von Emnid 1998/1999 grundsätzlich spendenwillig, aber 45% fühlen sich
von den Spendenempfängern nicht ausreichend informiert. Voraussetzung für
jedes Einwerben von Mitteln ist und bleibt, sich und andere von der Bedeutung
der eigenen Archivarbeit immer wieder zu überzeugen. Der Öffentlichkeitsarbeit
der Archive wächst damit eine zusätzliche Dimension zu, die sich konkret in
Zahlen niederschlagen kann. Also sollte versucht werden, neben der Darstellung
von archivischen Highlights wie Ausstellungseröffnungen, Buchpräsentationen
und spektakulären Ankäufen auch die sogenannten Kernaufgaben in den Medien
unterzubringen: z.B. Aktenaussonderungen. Gefördert wird nur Interessantes oder
interessant präsentiertes – und die Präsentation liegt in unserer Hand.
Fundraising-Konzeptionen
Was aber können Archive "verkaufen" ?
Wie bei allen anderen Projekten hängt der Erfolg
von der Entwicklung eines überzeugenden Fundraising-Konzeptes ab. Dabei sind
zwei Fragen vorrangig zu beachten:
Für welche Arbeitsbereiche ?
Für welche Zielgruppen ?
Die Aufstellung solcher Konzepte wird in den
wenigsten Archive en passant im Dienstbetrieb zu leisten sein. Ein Beispiel: Die
Stadtbibliothek mit Stadtarchiv Trier schätzte die Restaurierungskosten von
46.000 notleidenden Bänden des historischen Bestands auf 20 Mio DM. Ein im
Sommer 1998 gegründeter Förderverein, entwickelte mit der Universität,
Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, und einer professionellen
Beratungsgesellschaft bis Mai 1999 eine "Konzeption zur Ermöglichung von
Buchrestaurationen auf Basis von Spenden- und Sponsorengeldern sowie anderer
Alternativen". Die dabei entwickelten Maßnahmen zielen darauf, Sponsoren
und Einzelspender durch speziell auf sie zugeschnittene Angebote anzusprechen.
Langer Atem
Wie langfristig bei Konzeption und
Durchführung von größeren Fundraising-Projekten gedacht werden muß, wird
offenkundig, wenn der aktuelle Spendenstand heute (September 2001) bei 50.000 DM
liegt.
Do ut des Sponsoring
"Bei der Planung aller Aktivitäten"
– so die Trierer – "steht immer die Austauschbeziehung zwischen
Förderer und Gefördertem im Zentrum des Interesses. Leistung und Gegenleistung
definieren diese Beziehung." In allen Fällen von Sponsoring gilt, daß mit
Geld die Geldgeber – berechtigterweise und vertraglich abgesichert - auch
Interessen einfließen lassen. Im Stadtarchiv Trier tauchte der Wunsch auf,
statt einer Handschrift, Akten der NS-Zeit restaurieren zu lassen – ein
Wunsch, dem stattgegeben wurde.
Wer Geld an Projekte von Institutionen vergibt, die sich mit Geschichte
befassen, beeinflußt - bewusst oder unbewusst - das kollektive historische
Gedächtnis der Gesellschaft: Das ist das do ut des des Sponsoring.
Wesentlich ist der zwischen Archiv und Geldgebern
zu erreichende Interessensausgleich. (Cott-2x) Möchte ein Sponsor nur sein
Image aufpolieren ? Wie reagieren Sie, wenn eine große
Versicherungsgesellschaften die Erschließung von Akten zur Zwangsarbeit
unterstützen will ? Ergreifen Sie die Initiativen und überlegen Sie, sobald
Sie ein entsprechendes Projekt im Auge haben, wessen Profil an ehesten eine
Unterstützung verspricht. Motive, Aktivitätsfelder, Schwerpunkte. Dies
sind auszugsweise Ergebnisse aus der IfO-Studie von 1995. Grundsätzlich werden
bei solchen Sponsoringbeziehungen über die gegenseitig zu erbringenden
Leistungen Verträge abgeschlossen.
Großfirmen: Regionale Akzente
Archive als regionale oder lokale
Institutionen sind für große Firmen, die meist bundesweit oder international
agieren, nicht unbedingt die erste Adresse. Sie entwickeln in eigenen
Abteilungen Fundraising-Konzepte gekoppelt an ihr Produkt: Eine im Süddeutschen
Raum angesiedelte Reifenfirma konzentriert sich z.B. bei der Unterstützung von
Projekten, auf solche, die sich mit Mobilität beschäftigen. Allerdings
sollte man nicht vergessen, daß auch diese Firmen nicht zuletzt mit Rücksicht
auf ihre Mitarbeiter eine Verbundenheit mit der Region entwickeln, die sich mit
historischen Aspekten gut in Einklang bringen läßt.
Mittelstand: Lokale Verankerung
Grundsätzlich gilt bei Spenden von
kleineren Firmen, daß die Entscheidung, wer unterstützt wird zu 90% von den
Firmenleitung abhängt. Deren Vorlieben sind zu ermitteln. Dabei gilt: Je
kleiner die Firma, desto weniger Arbeitskraft kann für die Planung von (Kultur-)sponsoring
ausgegeben werden, desto öfter entscheidet der Firmeninhaber oder
Geschäftsführer aufgrund von ihm vorgetragenen Konzepten. Ist der Archivar auf
kommunalem Parkett zwischen politischen und Wirtschaftsrepräsentanten
rutschfest, hat er hier gute Chancen, im direkten Gespräch Wirkung zu
entfalten.
Aber auch hier gilt: Der Archivar steht in
intensiver Konkurrenz nicht zuletzt mit der eigenen Verwaltungsspitze:
Bürgermeister und Oberbürgermeister denken ja auch an die nächste Wiederwahl
und da wirkt ein Klettergerüst im Kindergarten erst einmal zugkräftiger als
ein Erschließungsprojekt. Den Gegenbeweis haben Sie im Gespräch anzutreten und
hinterher in Form einer Broschüre für jeden Gemeinderat oder im Internet den
Bürgerinnen und Bürgern vorzulegen.
Die Chancen der Archive stehen nicht schlecht,
weil insbesondere der in diesen Kreisen bisher beliebte Sportsektor teilweise
gesättigt zu sein bzw. durch die Dopingaffairen nicht mehr auf die
werbewirksame Akzeptanz zu treffen scheint. Nicht zu vergessen:
Sponsoring-Entscheidungen werden in Firmen durch Menschen getroffen, zu denen
der Kontakt nicht abreißen darf.
7. Freunde gewinnen
Spenden
Angefangen haben die Archive das
Spendengeschäft, mit kleinen Summen, die letztlich einem mäzenatischen Geist
der Spender entsprangen. Für den Start reichte eine einfache Spendendose, wie
sie auf den Theken von Bäckereien zu stehen pflegt. Aber die
Fundraising-Konzepte zielen selbstverständlich auf die Verstetigung solcher
Kleinspenden von Einzelpersonen. Die Frage heißt dann: Wie gewinne ich private
Förderer ? Der Fachbegriff:
Friendraising
Jederfrau / Jedermann
"Zu den wichtigsten Forderungen der
Konzeption gehört", so die Trierer, "die in den Kellern des
Stadtarchivs schlummernden Schätze für eine breite Öffentlichkeit zugänglich
und somit ‚erlebbar’ zu machen."
Denken sie an die 40% der spendenbereiten Bundesbürger. Ermöglichen sie den
Spendern "sich gut zu fühlen", wenn deren Leistung z.B. auf
Internetseiten dokumentiert wird. Paten einer Restaurierung finden sich auf
einem Ex libiris vor der reparierten Objekt verewigt. Bieten Sie
Spezialprogramme mit dem Hauch der Exklusivität: Den "Förderern des
Archivs" werden die gesponserten Ankäufe vor dem offiziellen Pressetermin
vorgestellt. Im Rahmen der Eventkultur sind den Ideen keine Grenzen gesetzt, es
dürfte sich lohnen. Erfahrungsgemäß kostet es, deutlich weniger Einsatz,
einen Spender zum Wiederholungstäter zu machen, als einen Spender neu zu
gewinnen.
VIPs
Glaubwürdige Zugpferde im Rahmen von
Spendenaufrufen einzusetzen, dürfte sich lohnen; diverse Lesungen in Archiven
im Rahmen von Tagen der offenen Türe oder als separate Nachtaktionen beweisen
die Attraktivität solcher VIPs auch im Archiv.
Volunteer
Versuchen Sie die ihnen, ihren Zielen Nahestehenden so zu überzeugen, daß
sie nicht Geld, sondern sich selber einbringen. Versuchen Sie aus Spendern
"Freiwillige Helfer" (Volunteers) zu entwickeln. In der Umweltbewegung
aber auch auf dem kulturellen Sektor finden Sie weltweit diese Ehrenamtlichen.
Zuvorderst sind es natürliche ehemalige Mitarbeiter, aber eben auch die
Personen, die über Spendenaktionen und Veranstaltungen Nähe zum Archivwesen
gefunden haben und etwas Sinnvolles zu tun suchen. Geben Sie ihnen die
Gelegenheit, je nach ihren Fähigkeiten bei der Verzeichnung oder Restaurierung
einen Beitrag zu leisten und sich "gut und wertvoll zu fühlen". Wenn
dann die Leistung über Jahre erbracht wird und so großartig ist, daß es die
Verleihung des Bundesverdienstkreuzes rechtfertigt, wird aus dem ehrenamtliche
Helfer ein Botschafter ihres Archivs.
Eine besondere Form der Ehrenamtlichen, die in Amerika längst üblich ist, sind
die "angestellten Freiwilligen" (employee volunteering). Erstmals in
Deutschland hat die Fa. NIKE in Berlin im September 1999 Beschäftigte für die
Mitarbeit in drei sozialen Projekten für 2 ½ Std. pro Woche unter Beibehaltung
ihrer Bezüge freigestellt. Eine Verknüpfung von persönlichem Engagement und
Sponsorentätigkeit einer Firma, die sich bei entsprechend vorbereiteten
Projekten auch im Archivwesen vorstellen läßt.
8. Förderverein
Als Organisationsformen, all diese Menschen und Ideen für das Archiv zu
gewinnen bietet sich ein Freundeskreis oder Förderverein an.
Lobby
Der Verein ist Lobby für das Archiv,
weil der Verein als Institution und die Mitglieder in ihren Wirkungskreisen für
die Interessen des Archivs wirken können.
Kontinuität
Die zusätzliche Institutionalisierung
der Archivinteressen in einem Verein ermöglicht eine Kontinuität und
Gleichmäßigkeit, bei Fundraising-Konzepten langfristige Planungen und
Verläßlichkeit unabhängig von Etatmitten.
Beratungsstelle für Sponsoring
Der Verein wird zur Beratungsstelle in
Sachen Kultursponsoring für Mittelstand und kleinere Betriebe, die in der Regel
keine Konzepte ausarbeiten können und sie gerne bereit sind, vorgedachte
Konzepte zu diskutieren.
Steuervorteile, Bußgelder
Ein Förderverein ist in der Lage, nicht
zweckgebundene Mittel einzunehmen. Er ist berechtigt Spendenbescheinigungen
auszustellen und Bußgelder anzunehmen. Früher wurde es etwas unter der Decke
gehalten, aber heute finden sich in den einschlägigen Informationsblättern
genug Hinweise zur Beantragung von Zuwendungen von Gerichten: Warum sollen nur
Sportvereine oder Hilfswerke davon profitieren, wenn ein Raser für die
Einstellung seines Verfahrens ein Bußgeld zu zahlen hat?
Finanzfeuerwehr
Bei finanziellen Transaktionen (Ankäufe)
reaktionsschneller als ein Haushalt. Er kann Kombinationsfinanzierung mit
Sponsoren durchführen: Sponsor: > Summe X Institution: >> selber
Spenden in Höhe von X, Sponsor: >>>zweites Mal Summe X.
Förderverein versus Historischer Verein
Die Fundraising-Aktivitäten von Archiven
sollten aus den in der Regel bestehenden Historischen Vereinen herausgehalten
und in eigenen Organisationsformen betrieben werden. Selbstverständlich stehen
die Mitglieder Historischer Vereine dem Archiv nahe, aber ein Förderverein hat
andere Zwecke, und bei professioneller Handhabung ist in Form und Inhalt eine
völlig andere Pflege seiner Mitgliederkontakte gefragt als bei Historischen
Vereinen. Unterschiedliche Programme und Zielgruppen lassen beide Vereinstypen
problemlos nebeneinander existieren. Die personelle Überschneidung hält sich
in Grenzen – meist sind die Archivmitarbeiter Mitglied in beiden
Organisationen.
Gewissen
Ein Förderverein ist für die
öffentliche Hand zum institutionalisierten schlechten Gewissen. Ein
Förderverein dokumentiert die als permanente Wunde empfundenen Haushaltslöcher
und mit jeder Spende wird aufs Neue Salz hineingerieben.
9 Sunrising am Klondike
Fundraising und Friendraising
Zukunftsaufgabe der Archive
Es ist nicht zu leugnen, daß sich aufgrund der in Zukunft vermehrt zur
Verfügung stehenden Sponsorenmittel einerseits und den geringer werdenden
öffentlichen Mitteln andererseits das Kultursponsoring zu einem Finanzierungs-
und auch Steuerungsinstrument des öffentlichen Kulturlebens entwickeln wird.
Der mögliche Rückzug öffentlicher Mittel aus dem Kultursektor wirft ein -
noch offenes - gesellschaftliches Grundsatzproblem auf. Es scheint, als würde
die Gesellschaft die Gestaltung von Kulturarbeit dem freien Spiel des Marktes
überlassen.
Die Archivwelt ist recht spät in den Bereich
Fund- und Friendraising eingestiegen; von systematischer Beackerung dieses
Feldes kann in den wenigsten Fällen gesprochen werden. Damit sind natürlich
auch die Chancen gesunken, die Spielregeln im Kultursponsoring mitzubestimmen.
"Fundraising" muß in Arbeitsfelder der Archive und in die
Ausbildung von Archivarinnen und Archivaren stärker eingebaut werden.
Um erfolgreich Fund- und Friendraising zu
betreiben, müssen von den Archiven ihre Ziele und Forderungen über die eigenen
Verwaltung hinaus offensiv in den gesellschaftlichen Raum hinein formuliert
werden. Die zum Komplex Fundraising bestehenden Informationssysteme
müssen zur Darstellung der archivischen Interessen genutzt werden. Darauf
aufbauend benötigen wir möglichst bald langfristig angelegte, auf die Aufgaben
der Archive abgestimmte Fundraising-Konzepte und Sachkompetenz als Basis für
eine erfolgreiche Mittelbeschaffung. Ein mühsamer - aber vielversprechender Weg
vom Haushaltstropf zum Spendentopf.
(Dr. Clemens Rehm, Generallandesarchiv Karlsruhe)
Dr.
Karl-Ernst Lupprian / Dr. Lothar Saupe
Das Internet als Form archivischer
Öffentlichkeitsarbeit (Thesenpapier)
Die Nutzung des Internet für die eigene
Öffentlichkeitsarbeit stellt vor allem für die kleinen Archive eine große
Herausforderung dar. Während Landesarchivverwaltungen oder die Archive großer
Kommunen häufig über Ressourcen und eigenes Knowhow verfügen, fühlt sich das
mit einer oder zwei Fachkräften besetzte kleine "Brüderlein" oft im
Stich gelassen.
Welcher Weg ist also einzuschlagen, damit auch
ein kleines Archiv zu einer inhaltlich wie optisch qualitativen
Selbstdarstellung kommen kann? Das nachstehende Vorgehensmodell beschreibt ein
grundsätzlich empfehlenswertes, im konkreten Einzelfall den jeweiligen
Gegebenheiten anzupassendes Muster.
1. Grundwissen über das Internet erwerben: Man
muss nicht selbst Seiten in HTML schreiben können, um sein Archiv gut zu
präsentieren (dafür gibt es Fachleute), doch ohne einige - auch praktische -
Kenntnisse über Arbeitsweise und Möglichkeiten des World Wide Web wird man
auch nicht beurteilen können, was sich mit den zur Verfügung stehenden
Ressourcen erreichen lässt und was nicht.
2. Was soll der Internetauftritt leisten? Von
Basisinformationen (Adresse, Öffnungszeiten usw.) über eine
Beständeübersicht bis zum Zugang zu einzelnen Findmitteln (vgl. MIDOSA Online)
ist alles technisch möglich, wie auch die Vorstellung herausragender
Archivalien oder Interaktionen mit dem Surfer. Was man hiervon realisieren kann,
hängt zum einen von den Ressourcen ab, zum anderen aber und vor allem vom
Erschließungszustand des Archivs und seinen vorgegebenen Schwerpunkten.
3. Nach Ressourcen suchen: Welche
organisatorischen und technischen Möglichkeiten (EDV-Abteilung, evtl. eigener
Webserver) bietet der Archivträger? Was kostet der Auftritt bei einem
kommerziellen Internetprovider? Zwischen dem Investitionsbedarf für die
Erstellung des Webauftritts und den regelmäßig anfallenden Betriebskosten
(Miete des Serverplatzes, Kosten für Aktualisierungen des Informationsangebots)
ist sorgfältig zu unterscheiden.
4. Planung und Qualitätskontrolle: Die
Gestaltung des Webauftritts kann nicht sorgfältig genug geplant werden! Mit der
einmaligen Erstellung eines Pflichtenhefts ist es nicht getan; eine
Projektbegleitung des Erstellers der Webseiten durch den Auftraggeber ist
unerlässlich. Die Qualität des Ergebnisses darf nicht nur am optischen
Eindruck gemessen werden; es sind auch technische Details wie die Navigation
innerhalb des Angebots, seine "Genießbarkeit" unter diversen
Bildschirmauflösungen und Browsern zu prüfen, ferner die Sicherheit der Seiten
gegen willkürliche Manipulationen durch Dritte (Datenschutz und Datensicherheit
beim Internetprovider).
Das Informationsangebot soll von der
Serverplattform und proprietären Softwareprodukten unabhängig sein, um einen
jederzeitigen Wechsel des Providers zu erlauben.
5. Fallstricke und Fußangeln vermeiden: Bilder
sparsam einsetzen - kurze Texte mit viel Struktur statt endlos erscheinenden
Fließtexten - Unabhängigkeit von Browsern (keine produktspezifischen Tags) und
Plugins (kein Flash, Shockwave o.ä.) - einfache Möglichkeiten für
Aktualisierungen (bei häufigen inhaltlichen Veränderungen keine statischen
HTML-Seiten verwenden, sondern die Darstellung dynamisch aus einer Datenbank
erzeugen, was Zeit und Kosten spart). Unbedingt vermeiden sollte man den Einsatz
von Javascript (z.B. bei der Navigation), denn damit nimmt man Instabilitäten
in Kauf, die dem Surfer das Besuchen der Seiten gründlich verleiden können.
6. Die Gestaltung des Informationsangebots sollte
dem Inhalt entsprechen: Archive bieten Informationen, die zeitlos gültig sind,
und keine modischen Eintagsfliegen. Dementsprechend sollte die Gestaltung der
Webseiten eher schlicht und klar als knallbunt oder gar "peppig" sein.
Da alle Welt mit schreienden Farben und nervendem Sound wirbt, können sich
Archive sich wohltuend davon abheben, indem sie auf derartige Gestaltungsmittel
verzichten.
(Dr. Karl-Ernst Lupprian,
Generaldirektion d. Staatlichen Archive, München und Dr. Lothar Saupe, Bayer.
Hauptstaatsarchiv, München)
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