Eröffnungsvortrag
auf dem Deutschen Archivtag in Trier
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Prof. Dr. Winfried Becker
I. Zum Selbstverständnis der PostmoderneWie
definiert sich die Postmoderne? Umberto Eco, Verfasser des im Mittelalter
spielenden Romans „Der Name der Rose“, faßte schon 1962 im Schlüsselbegriff
der „Diskontinuität“ vorab einige ihrer Merkmale zusammen: „Die
Diskontinuität ist, in den Wissenschaften wie in den Alltagsbegriffen,
die Kategorie unserer Zeit: die moderne westliche Kultur hat die
klassischen Begriffe von Kontinuität, universellen Gesetzen,
Kausalbeziehung, Vorhersehbarkeit der Phänomene, endgültig aufgelöst:
sie ... hat darauf verzichtet, allgemeine Formeln auszuarbeiten, die den
Anspruch erheben, die Gesamtheit der Welt in einfachen und endgültigen
Termini zu bestimmen. Neue Kategorien haben in die modernen Sprachen
Eingang gefunden: Ambiguität, Ungewißheit, Möglichkeit,
Wahrscheinlichkeit“[i].
Nun waren Ambivalenz, Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit stets Kategorien
wissenschaftlicher oder alltagsbezogener Aussagen. Doch gewinnen sie in
der postmodernen Bedeutung eine entschiedene Radikalität, erscheinen
nicht mehr als vorläufig, verdeutlichungsbedürftig oder überwindenswert.
Die neuen Kategorien folgen notwendig aus dem Kontinuitätsbruch mit der
sog. Moderne, die - eigentlich seit Beginn der Neuzeit - versucht hatte,
die Welt in Einheits-, Ganzheits-, Totalitätsvorstellungen zu pressen,
sie mit „Totalitätsintentionen des Wissens“ zu überziehen[ii]. Beispiele dafür bieten
den Postmodernen die „Mathesis universalis“ von Descartes, die
Vorstellungen der Aufklärung über den rationalen Diskurs, den
Universalfrieden, die Emanzipation des mündigen Menschen oder Hegels
Dialektik des Geistes: Diese, wie alle auch bescheideneren Entwürfe der
Welterklärung, selbst die davon abgeleiteten Funktionen, Reduktionen und
Essentialismen[iii],
sind abzuweisen: handelt es sich doch um Meta-Erzählungen, „grand
narratives“, die durch den innerhalb der Wissenschaften zu beobachtenden
Dekonstruktionsprozeß unglaubwürdig geworden sind. Eine
Schlüsselrolle bei der Gewinnung des neuen Wirklichkeitsverständnisses
übernahmen die Sprachwissenschaften. Nach den Erkenntnissen der
strukturellen Linguistik, zu denen Ferdinand de Saussure 1916 den Grund
legte[iv] und von denen noch die
1979 veröffentlichte Schrift von Jean-François Lyotard, „La Condition
postmoderne“[v],
zehrt, reflektiert die Sprache nicht etwa eine in Worte gefaßte Welt,
sondern sie konstituiert, generiert die Welt, statt ein objektiv gedachtes
Universum nur mimetisch nachzuvollziehen. Was wir als Realität zu
erfahren glauben, ist vielmehr ein Artefakt, ein Effekt bestimmter
Sprachsysteme, in denen wir uns bewegen. Realität existiert nicht
jenseits der Reichweite von Sprache, sondern sie ist immer schon in der
Sprache, die der Welterkenntnis vorausgeht, gegeben und konstruiert. Die
Wissenslehre verlagert sich folglich weitgehend von der bisherigen
Zergliederung eines angeblich objektiv Gegebenen auf die Sprachanalyse und
die durch Hören geschaffenen sozialen Beziehungen. Den
„Sprachspielen“ oder Systemen differenter, in arbiträrer Verbindung
stehender Zeichen liegen implizit von verschiedenen Sprachgemeinschaften
unterschiedlich ausgebildete soziale Konventionen zugrunde[vi]. Die
kopernikanische Wende der Sprachwissenschaft, vielleicht von fern Kants
erkenntniskritischer Entthronung der Metaphysik vergleichbar, auf die sich
Lyotard auch beruft, hat, wenn sie über den engen fachlichen Bereich
hinausgreift, bedeutsame Konsequenzen für das politische und soziale
Zusammenleben. Dieses kann sich dann nicht mehr an den vermeintlichen
Helden, den übergreifenden Zielen, den großen Warnungen und Gefahren
orientieren, die die Meta-Narrative präsentierten. Die Menschen leben an
den Schnittpunkten bestimmter Mengen von Sprachelementen narrativer,
deskriptiver, denotativer, präskriptiver, evaluierender oder sonstiger
kategorialer Eigenart. Gesellschaftliche Entscheidungen können nicht mehr
unter der Voraussetzung getroffen werden, als seien alle diese
Mengenelemente miteinander vereinbar und kompatibel, als existierten
einheitliche, in einem technologischen oder politischen Prozeß
operationalisierbare Richtungsvorgaben. Falls die Entscheidungsträger
dennoch ihr Handeln nach den Meta-Erzählungen einrichten - die Fabeln
geworden sind, wie sie die der Wissenschaft selbst ursprünglich
vorausgehenden Fabeln als erdichtet entlarvten -, setzen sie sich dem
Verdacht aus, eine unangemessene Macht und Herrschaft über ihre
Mitmenschen ausüben zu wollen. Schon die auf die Erreichung eines
verbindlichen Konsenses gerichtete Diskussion mutet ihren Teilnehmern
einen eigentlich nicht statthaften Autoritarismus zu. Der Postmodernismus
erkennt allerdings die Gefahr der Delegitimierung und Anarchie, zu der
solche Folgerungen führen können. Eine neue Legitimation des Wissens und
damit verbunden neue, gar visionäre Gestaltungen gesellschaftlichen
Lebens leitet er aus der vorbehaltlosen Anerkennung der Inkommensurabilität
der Sprachdiskurse und der mit ihnen einhergehenden oder von ihnen
inspirierten Lebensformen ab: Differenzen sind stets gegeben, sie sind als
Paralogien zu beschreiben, sind folglich unaufhebbar; es bleibt nur, sie
zur Gänze in pluralistischer Toleranz anzuerkennen[vii]. Aus
diesen wenigen Hinweisen ergibt sich schon, daß der postmoderne Diskurs
Bedeutung für das Geschichtsverständnis und für die
Geschichtswissenschaft hat. Denn der Abschied von der Moderne meint ja vor
allem, daß man der Obsoletheit der großen Erzählungen inne wird, eines
Gestaltungselements, das der Historiographie wesenhaft zugrunde liegt.
Bevor aber das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Postmoderne näher
betrachtet werden soll, scheint noch ein kurzer Blick auf das postmoderne
Verständnis anderer Wissenschaften angebracht zu sein. Der
Begriff des Postmodernismus tauchte 1934 in einer hispano-amerikanischen
Antologie auf. Er erlangte Breitenwirkung mit der Verwendung in Arnold
Toynbees „A Study of History“ 1947. Hier bezeichnete er die noch
andauernde, letzte Phase der abendländischen Kultur. Später wurde dann
die Postmoderne auch als Zeitraum von der Moderne abgesetzt, wobei seither
die Grenzen unterschiedlich und fließend definiert werden. Die Stimmung
des Fin de siècle um 1900 und der Krise nach dem Ersten Weltkrieg gilt
noch nicht als Beginn der Postmoderne, weil sie zu destruktiv, nicht
aufbauend und ohne Visionskraft gewesen sei. Der Postmodernismus wurde
dann in der nordamerikanischen Literaturlandschaft der 1960er Jahre
intensiv diskutiert. Entscheidende Anregungen zu seiner Auslegung kamen
indes aus dem französischsprachigen Bereich. 1969 proklamierte Leslie
Fiedler für die Literatur die Grenzüberschreitung, die Schließung der
Kluft zwischen den Kritikern, dem Künstler und dem Publikum, zwischen den
sog. Gebildeten und Ungebildeten. Damit sollten die Überreste „einer ärgerlichen
Unterscheidung innerhalb der industrialisierten Massengesellschaft“
beseitigt werden; die Pop-Rebellen wiesen dafür die Marschroute[viii].
Die postmoderne Literatur zehrt noch von der Moderne und vom
Strukturalismus, wenn sie in ein- und demselben Werk mit der Verbindung
verschiedener Zeitebenen, Erzählhaltungen und Stilmittel experimentiert.
Sie erprobt Mehrfachstrukturen, verwendet doppeltkodierte
Gestaltungselemente, besondere Sprachspiele und Zeichensysteme, versucht
damit, der Heterogenität des Singularen gerecht zu werden. Postmoderne
Lebensentwürfe können sich nur im Rahmen eines „forcierten“ oder
„radikalen Pluralismus“[ix]
entfalten. Wie in den szientifischen Wissensformen die totalitätsverdächtigen
Denkfiguren der Essenz, Substanz, Entelechie und Teleologie überlebt
sind, so kann auch die hergebrachte Unterscheidung zwischen Wirklichkeit
und Fiktion, Kunst und Wissenschaft[x],
Literatur und Geschichtsschreibung keine Gültigkeit mehr beanspruchen. Aus
den Naturwissenschaften wird etwa Albert Einsteins Relativitätstheorie
zum Kronzeugen des gebotenen Abschieds von einer umfassenden, letztlich
aristotelischen Kategorienlehre angerufen. Soziologisch hat der
Postmodernismus die These von der „postindustriellen Gesellschaft“
weiterentwickelt, die der Modernitätsdebatte der 1960er Jahre entstammt.
Von Daniel Bell[xi]
und anderen unterscheidet er sich aber wesentlich dadurch, daß er den
allgemeinen Geltungsanspruch jenes technologischen, ökonomischen und
theoretischen Wissens bestreitet, das sich notwendig in der seit dem
Zweiten Weltkrieg technisch und wirtschaftlich modernisierten Welt
etablierte. Anstelle der Vorherrschaft des
„technologisch-technokratischen Realitätstyps“ werden die offenen Möglichkeiten
einer „aktiven Gesellschaft“ und ihrer „Transformation“ betont.
Aus dem modernen Wissen abgeleitete operative Steuerungsmodelle, einschließlich
des Marxismus, werden verworfen. Die Schwierigkeiten um eine neue
Verortung des Individuums oder vielmehr des multiplen Subjekts und seiner
Stellung inmitten neuer Informationstechnologien, Reproduktionsprozesse
und des „Hyperspace“ oder innerhalb der multinational und global
verbreiteten, kapitalistischen und populistischen Konsumgesellschaft,
werden einmal als Krise, ein anderes Mal als Chance gesehen[xii].
Die Vernetzung und das weltweite, die Massen erfassende, sich ästhetischer
Attraktionen bedienende Konsumangebot offerieren Beiträge oder Versatzstücke
zur Identitätsfindung und zu pluralen Lebensentwürfen, die nicht mehr
unbesehen aus einem selbstentwickelten Einheitszentrum der Persönlichkeit
ableitbar sind. Lebensweltlich ergibt sich daraus: Kreative Invention löst
obsolete Mimesis ab; die Idole, Urbilder, Abbilder, Vorbilder verlieren
ihren Orientierungswert. In den Humanwissenschaften verlangt das
Differente, fordern die bisher vernachlässigten, aus Konvention und
Herrschaftswillen unterdrückten oder totgeschwiegenen Verhaltensweisen
Beachtung: darunter z.B. die Homosexualität und der Feminismus, die
Minderheiten, die Indianer oder die imperialistischen Begleiterscheinungen
des Kolonialismus und seiner „weißen Mythologien“[xiii].
Multikulturalität muß endlich ernstgenommen werden.
II. Kritik der großen Geschichts-ErzählungAuch
die Geschichtswissenschaft hat sich einigen Herausforderungen zu stellen.
Entschlossene Postmodernisten bezeichnen sie als akademisch-professionell,
d.h. behavioristisch eingeengt und darum zurückgeblieben. Um einige ihrer
Einwände zu besprechen, läßt sich ein Gliederungsprinzip heranziehen, für
dessen Plausibilität Keith Jenkins in seinem vor einigen Jahren
erschienenen „The Postmodern History Reader“[xiv]
plädiert. Er unterscheidet aus postmoderner Sicht zwischen „upper and
lower case histories“. Die ersteren sind die „ideologischen
Geschichten“; unter ihnen werden anscheinend die Geschichtsphilosophien
und Meta-Narrativen bestimmter Geschichtsprozesse verstanden, außerdem
die von gewissen Vorprägungen, Richtungen oder Einstellungen der
Verfasser getragenen Geschichtsdarstellungen, etwa eine liberale (Whig-)Historie,
ein konservativ oder marxistisch ausgerichtetes Geschichtswerk. Jenkins
siedelt die „Lower case history“ hingegen mehr im methodologischen
Bereich an. Er versteht darunter in der historischen Disziplin die „realist,
empiricist, objectivist, documentarist and liberal-pluralist ways of
thinking“[xv]. Es
erscheint als unerläßlich, zunächst auf einige Punkte des
Geschichtsverständnisses bekannter Postmodernisten einzugehen, wobei die
Auswahl der Aussagen sehr begrenzt sein muß, weil hier keine umfassende
Auseinandersetzung beabsichtigt sein kann. Michel
Foucault[xvi]
bezieht eine Position, für die er sich auf Friedrich Nietzsches Kritik an
der Geschichte[xvii] beruft. Die
geschichtliche Betrachtung kann nicht mehr zur Selbstfindung der Menschen
oder zum Verstehen des Anderen in vergangenen Epochen und Generationen führen.
Historisches Wissen beruht nicht auf Wiederentdeckung, sondern vermittelt
den Einblick in Diskontinuität, beraubt das forschende Ich der
stabilisierenden Selbstvergewisserung über das Leben und die Natur.
Ereignisse lassen sich nicht mehr einer idealen Kontinuität, etwa einer
teleologischen Bewegung oder einem natürlichen Prozeß, einfügen. Sie
offenbaren keine wesenhaften Züge, definitiven Bedeutungen. Keine
irgendwie geartete regulative Mechanik, kein ihr ursprünglich
zugrundeliegender, gar göttlicher Plan bestimmt den Sinn der Geschichte.
Notwendigkeit, Zufall und Willen regieren die historischen Abläufe. Die
„wirkliche Historie“ bietet keine Anleitung zur Entdeckung oder
Wiedererzählung von Wahrheiten und Werten, betrachtet Geschichte nicht
mehr ehrfurchtsvoll aus einer Distanz, die vom eigenen Selbst abstrahiert,
wie frühere Historiker vorgingen, wenn sie von den edelsten Epochen, den
höchsten Formen und reinsten Individualitäten erzählten. Sie sucht
vielmehr die Nahbetrachtung, aber ohne das Geschehene gleichsam in Besitz
nehmen zu wollen, ähnlich wie sich der Diagnose stellende Arzt dem
kranken Körper zuwendet. Wissenschaft von der „wirklichen Historie“
ist „curative science“, hat mehr mit Medizin als mit Philosophie
gemein. „Wirkliche Historie“ mündet in der Bekräftigung
perspektivischen Wissens; die Historiker bemühen sich ganz vergeblich,
die Zeugnisse ihrer partikularen Zeit und Situation aus ihrem Werk zu
eliminieren. Nietzsches Auffassung vom historischen Sinn interpretierend,
betont Foucault, daß die historische Perzeption immer sozusagen schräg
einfällt, indem sie entschieden lobt, bekräftigt oder verneint. Sie löscht
sich nicht vor den beobachteten Objekten aus, unterwirft sich nicht deren
Prozessen. Sie vermag mittels des Kognitionsakts eine eigene Genealogie zu
schaffen. „Wirkliche Historie“ fügt eine Genealogie von Geschichte
zusammen; diese besteht in der vertikalen Projektion der von ihr
eingenommenen Stellung. Foucault
widerspricht sich allerdings, wenn er einerseits das historische Identitätsbewußtsein
leugnet, es andererseits am Beispiel des zu kurierenden Körpers in
materialistischer Version wieder voraussetzt. Er kann die historische
Objekthaftigkeit nicht gänzlich leugnen, wenn er an einer Stelle[xviii]
ein Gleichgewicht zwischen der eigenen Sichtweise und den Objekten
anstelle historischer Gesetzmäßigkeiten anstrebt. Historisches Wissen
erschöpft sich nicht in Perspektivik; wenn das anders wäre, wie ließe
sich dann eine wahre Erzählung von Präsentismen und Geschichtsfälschungen
unterscheiden? Mit der Ablehnung eines göttlichen Plans der Geschichte
oder der deistisch interpretierten Maschine des Weltlaufs müssen ja nicht
die unprätentiöseren, die säkularen, zeitlich und sachlich begrenzten
Geschichtserzählungen mitbetroffen sein, nur weil sie eine immanente
Sinngebung oder einen Maßstab verwenden. Durch diese Argumente Foucaults
werden viele Historiker die Vorstellung der umgreifenden Geschichtlichkeit
der menschlichen Existenz, die Gegenwart und Vergangenheit zu einer
Totalität und ganzheitlichen Verstehensstruktur verbindet[xix],
noch nicht erschüttert sehen. Mit den (individuellen?) Selbstsetzungen,
die diese postmoderne Perspektivik tragen, stellt sich unabweisbar das
Identitätsproblem. Wird nicht Singulares verabsolutiert, wenn die Möglichkeit
der Rückbindung an einen umfassenderen Kulturbegriff, wie ihn Johan
Huizinga bahnbrechend als historische Verstehenskategorie eingeführt hat[xx],
ausgeschlossen wird? Zwar
erkennt auch Foucault die durchgehende Historizität und Relativität
aller, weil zeitlich situierter, Lebens- und Wissensbereiche an. Aber der
Geschichtsbegriff ist für ihn seit dem 19. Jahrhundert
ent-historisiert, insofern seither die Geschichte keinen umgreifenden
Zyklus historischer Entwicklungen für Menschen und Dinge mehr bereithält.
Scharfsinnig bemerkt Foucault, daß das (lange) 19. Jahrhundert nicht
mehr als das eigentlich geschichtliche Jahrhundert gelten könne, auch
wenn es den Historismus und viel Sinn für die Historie entwickelte, weil
in dieser Zeit die Wissensbereiche auseinanderfielen, definitiv die
Beziehungen untereinander verloren[xxi].
Daraus zieht er die allerdings weitgehende Folgerung, daß der Mensch
keine Geschichte mehr habe, die seine Welt integral mit einbezöge. Er sei
vielmehr den Ereignissen völlig ausgesetzt, die ihn erfaßten; wie neben
ihm die Sprache, die Dinge, die Natur, die anderen Lebewesen je ihrem
eigenen Werden ausgeliefert seien - Geschichtsraum nach Analogie des zerstückelten
physikalischen Raums. Foucault verwechselt hier allerdings Historismus mit
Teleologie. Relativismus war bereits ein Ergebnis des historischen
Denkens, auch wenn er nicht so weit getrieben wurde wie in Foucaults
radikalem Ansatz. Jean
Baudrillard gedenkt die Haltlosigkeit der Meta-Narrativen zu entlarven,
indem er die Anfang und Ende voraussetzende „reale“
Menschheitsgeschichte an den infiniten kosmischen Entwicklungen mißt[xxii].
Baudrillard spricht von zwei gegenläufigen Bewegungen im Kosmos. Die
Atome und kleinsten Partikel zerstreuen und verlieren sich während eines
permanenten Ausdehnungsprozesses im unendlichen Raum. Analog erfaßt die
kinetische Energie auch alle politischen, sozialen und kulturellen
Tatsachen und Ereignisse, verleiht ihnen eine Richtungs- und
Bedeutungslosigkeit, die ihre kohärente und objektiv gültige Erfassung
durch Geschichtsschreibung unmöglich macht. Die Gegenbewegung preßt
Masse und Materie zu einer extremen Verdichtung zusammen, an deren Oberfläche
es zur Verlangsamung und zum Stillstand von Bewegung und Geschwindigkeit
kommt. Analog dazu sind die Gesellschaften der Gegenwart von einem
Verdichtungs- oder Vermassungsprozeß erfaßt. Die Austausch- und
Kommunikationsprozesse haben einen Grad höchster Sättigung erreicht. Die
Zusammenballung der Städte, der Waren- und Informationsüberfluß, die
Konzentration der Wirtschaft erreichten Hyper-Dichte. Die Gesellschaft
wird zum kalten Stern. Die Geschichte stürzt in einen Kühlungsprozeß
ab; geschichtliche Ereignisse bewegen niemanden mehr; Entschleunigung,
Indifferenz, Überdruß und Neutralisierung lassen das Ende erwarten, wie
Licht und Zeit nahe einer unendlich dichten Masse zum Verschwinden
gebracht werden. Analog der Effekte stereophoner und elektronischer Musik
rückt Baudrillard drittens Geschichte in die Nähe eines gigantischen
Simulationsmodells. Dabei leugnet er nicht die Ereignisgeschichte oder
ihre narrative Dimension, sondern bezweifelt die Realität des der
menschlichen Geschichte zugrundegelegten Zeitbegriffs: Die sog. reale
Zeit, konstituiert durch ein „Modell der Linearität“, das den
Geschichtsverlauf auf einen Endpunkt hin ausrichtete, entstand aus der
Vorstellung der Parusie, der messianischen Wiederkehr Christi beim Jüngsten
Gericht. Der magisch-rituelle Zeitbegriff nicht-christlicher
Gesellschaften, der Anfang und Ende ineins legte, wurde erst aufgrund der
christlichen Zeitrechnung zu einer langen Zeitspanne auseinandergefaltet,
die allerdings immer von millenaristischen Bewegungen bedroht war, die das
Heil oder das Gericht, jedenfalls das Ende der Geschichte, selbst und gar
gewaltsam herbeiführen wollten. Die Endzeiterwartung hat die üblichen
Begriffe des Zeitverlaufs eingeführt, die dadurch als künstlich erzeugt
erscheinen. Entsprechend gelangen Vertreter eines radikalen Millenarismus
oder des Terrorismus für sich zu einer extremen Abkürzung des
Zeitbegriffs, indem sie in Eigenregie die Erlösung gewaltsam
vorwegnehmen. Die reale Zeit, die nur die Suspension der Erwartung der Erlösung
(oder der Katastrophe) ausfüllt, erweist sich zumal hinsichtlich ihres
Endzeitgedankens als Illusion: Baudrillard verkündet aus diesen und
anderen Gründen das „Ende des Endismus“. Manche
dieser Überlegungen berühren sich mit naturtheoretischen Reflexionen des
19. Jahrhunderts. Der „Eindruck eines infiniten, zufallsgesteuerten
Bewegungsprozesses“[xxiii],
der aus den (damals) neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaft hergeleitet
wurde, beeinflußte die Geisteswissenschaften, erfaßte allerdings in
Deutschland weniger die historischen Gemüter, die sich mehr im Bann des
philosophischen Idealismus bewegten, als manche Philosophen und
Naturwissenschaftler. Die Verbindung von Philosophie und Historie mit den
modernen physikalischen Einsichten eröffnet ein legitimes Feld der
Reflexion. Aber lassen sich physikalische und informationstechnologische
Prozesse und ihre postmoderne Kritik einfach auf die Geschichte des
Menschen übertragen, saugen sie diese ohne weiteres auf? Wilhelm Diltheys
- möglicherweise zu weit gehende - axiomatische Trennung von Natur- und
Geisteswissenschaften läßt sich nicht einfach beiseite legen. Sie sieht
im Erlebnis und in dessen Träger, dem beseelten Subjekt, eine
Voraussetzung des Geschichtsverstehens, das so in der unbeseelten Welt
nicht anzutreffen ist. Die Historisierung des Kosmos und der Natur, die
(spätestens) auf Kant, Lamarck und Darwin zurückgeht, erschwert die
Beweislast für geschichtliche Erkenntnis sehr. Woher weiß Baudrillard,
daß seine Geschichte von den polaren, zugleich infiniten Bewegungen des
Kosmos zutrifft? Wer beglaubigt die makro- und mikrokosmische Meta-Erzählung,
diese unendliche Geschichte? Welches methodologische Rüstzeug setzt die
Postmodernen instand, transorbitale Theorien unbegrenzter Reichweite zu überprüfen
und einen Falsifizierungsstandard zu erreichen, wie er bei der Widerlegung
historischer Mythen bewiesen worden ist? Geoffrey Elton weist darauf hin,
daß der Mythos vom spätviktorianischen England durch Aufdeckung seines
jingoistischen Imperialismus überwunden wurde, ebenso wie der Mythos vom
nationalen Mittelalter oder der Mythos vom Selfgovernment, dessen Einführung
in manchen Entwicklungsländern mehr Opfer gekostet habe als die
jahrhundertelange Herrschaft der vorher dort regierenden Dynastien[xxiv].
Wissenschaftliche Geschichtserzählung zeigte sich hier nachweisbar mit
Rationalität korreliert. Rationalitätskriterien
hatte übrigens schon die konfessionell kontroverse christliche
Geschichtsschreibung der Neuzeit ausgebildet - ein Bewußtsein der
Standortgebundenheit, ein Konkurrieren um Wahrheit und Vollkommenheit,
durch den Vergleich verschiedener Sichtweisen und den Rückgriff auf
Dokumente und Verträge. Baudrillard führt die Vorstellung einer
„realen Zeit“ auf die christliche Endzeiterwartung zurück; hingegen
meint Adalbert Stifter, kein Sterblicher wisse, was die Zeit sei[xxv].
Baudrillards Konstruktion geht über Karl Löwiths (ausgewogene) Säkularisierungsthese[xxvi]
weit hinaus, indem sie von der Erwartung des Jüngsten Gerichts die
normale menschliche Erkenntniskategorie der Zeit ableitet und aufgrund
dieser Verkettung die „historische“ Zeit überhaupt als
Dekonstruktionsobjekt freigibt. Sicherlich kann man mit Löwith
Profangeschichte und Heilsgeschichte, wenn auch aufeinander zurückführbar,
trennen, aber die christliche Erzählung und biblische Verheißung läßt
sich nicht einfach als teleologisches Konstrukt abtun: Was mit der Bibel
alles auf der Verlustliste steht, läßt sich konkreter bei Elizabeth
Ermarth nachlesen[xxvii].
Sie rückt die seit der Renaissance und durch die deutsche Bibelkritik des
19. Jahrhunderts relativierten „religiösen Systeme“, postmodern
auch als „Ein-Heils-Imaginationen“ bezeichnet[xxviii],
in eine Reihe mit anderen angeblich überlebten Konstrukten: dazu zählen
das metaphysische und transzendent orientierte Denken überhaupt, die herkömmliche
Struktur der Humanwissenschaften, die Ideen der Individualität und der
natürlichen, unveränderlichen Menschenrechte. Steht
damit nicht ein ganzes kulturelles Kaleidoskop der zivilisierten Welt auf
der Dekompositionsliste? Weder im einzelnen noch im Zusammenhang werden
die Gegenstände dieser gigantischen Freistellung nahe genug ins Auge gefaßt,
um die folgenschwere Entscheidung nachvollziehbar zu machen. Was nur die
Geschichtswissenschaft betrifft, so sind die Vorwürfe der Linearität
oder der totalitätsverdächtigen Kausalgesetzlichkeit, die gegen die
Narrativität erhoben werden, schwerlich überzeugend. Historische Erzählungen
sind nicht nur linear angelegt, sondern wollen gerade die Komplexität
eines meist schwer ergründbaren Geschehens einholen. Die elastische Erzählform
wird gewählt, weil sie die Facetten der oft nicht stringent
kausalgesetzlich oder formelhaft erfaßbaren Vorgänge eher wiederzugeben
vermag als andere sprachliche Mittel. Eine Meta-Erzählung kann sich
durchaus legitim an die Schilderung einer Totalität wagen; dabei braucht
man nicht unbedingt an die positive Konstruktion eines glorreichen
Aufstiegs zu denken. Aus
historischem Blickwinkel lassen sich auch negative Entelechien aufzeigen,
verhängnisvolle Entwicklungen darlegen, wenn man z.B. an die politischen
oder lebensweltlichen Argumente der jüngsten Zeit-Geschichte gegen die
Wiedererrichtung einer Diktatur denkt oder historische Erfahrung gegen das
Beschreiten eines „deutschen Wegs“ geltend macht. Aber kann Erzählung
nicht über jede fachspezifische Historie hinaus zuweilen eine Art
universaler Wertigkeit und Gültigkeit erlangen? Können nicht auch Mythen
oder Urmythen Wahrheiten enthalten? Die Menschheit und ihre Kulturen leben
mit ihren großen Erzählungen, mit ihrer Geschichte und ihren
Geschichten, sonst hätten sie kein Bewußtsein, keine Vorstellung von
Dekadenz, Fortschritt oder Bewahrung; die Kulturen zerfielen tatsächlich
in konfuse Wolkengebilde delirierender Atome. Auf
der anderen Seite sieht sich die moderne Geschichtswissenschaft nicht mehr
nur auf Erzählung angewiesen, sie hat schon längst andere Formen der
Untersuchung erprobt als die narrative Darstellung: Darunter figurieren
die thematisch konzentrierte, sachlich begrenzte Analyse, die
Verifizierung von Hypothesen bei Spezialfragen und Kontroversen,
Fallstudien und exemplarische Darstellungen, statistische und strukturelle
Zugriffe auf weit gefaßte Themenbereiche, Kollektivbiographien,
vergleichende Untersuchungen, Rezensionen, Kritiken, Literaturberichte und
Quelleneditionen. Ein Crossover zwischen diesen Genera kann sich ebenso
anbieten wie interdisziplinäres Arbeiten, in das die
Geschichtswissenschaft bewährte methodische Grundlagen einzubringen
vermag. III. Dokument oder rhetorische Konvention?Indes
erstreckt sich die postmoderne Kritik auch auf die „lower case history“.
Die amerikanische Mediävistin Nancy Partner geht so weit, den
Wahrheitswert der in den Archiven verwahrten Dokumente in Frage zu
stellen: „Archives contain many interesting things, but Truth is not
included among them“[xxix]. Diese
Aussage ist natürlich vor einem bestimmten wissenschaftstheoretischen
Hintergrund zu sehen, und dann wirkt sie gar nicht so provokativ. Die
analytische Geschichtsphilosophie eines Arthur Danto und anderer wandte
sich gegen den sog. naiven Realismus, der von einer direkten Einpassung
der Realität in einen sprachlichen Rahmen ausging. Aber gemäß den
Erkenntnissen der analytischen Sprachphilosophie erreichen uns die Fakten
und Dinge nur in der Form ihrer sprachlichen Beschreibung, dh. in Texten.
Unter anderm darum, weil das Ganze der Geschichte niemals beschreibend
eingefangen werden kann, sind historische Erzählungen stets vom Erzähler
narrativ organisiert, enthalten damit „ein Moment reiner Willkürlichkeit“
und Relativität[xxx]. Jede Erklärung der
„Dinge“ hat zu berücksichtigen, daß wir nur im Sprachgewand von
ihnen Kunde haben und zur Untersuchung des Textes weitere Texte, den
Kontext, benötigen. Kontextualität kann vereinfachend in einen
zweifachen Sinne verstanden werden, als Wahrnehmungshorizont für eine
traditionell verstandene historische Realität, etwa das Phänomen einer
Epoche, deren Einbeziehung z.B. für den historischen Roman oder den
realistischen Roman des 19. Jahrhunderts charakteristisch ist, oder
rein semiotisch als textuelle Kodierung, Intentionalität, Interaktion,
Stil oder Struktur eines Textes[xxxi].
Auf Vergangenheit bezogene Evidenz weist nicht auf diese selbst zurück,
sondern auf die unterschiedlichen Interpretationen von Texten, die die
Vergangenheit überliefern. Dies vorausgesetzt, verschwimmen die Grenzen
zwischen Fiktionalität und Faktizität, zwischen fiktiven literarischen
und historischen Erzählungen. So stellt Dieter Kühns Napoleon-Biographie
die Schilderungen virtueller Lebenswege nebeneinander, die der junge Held
hätte einschlagen können. Er wurde zufällig republikanischer Offizier,
hätte aber ebenso, wenn die Verhältnisse es zugelassen hätten, ein
reaktionärer Geistlicher oder ein Landwirt werden können. Indem der
Autor diesen alternativen Lebensgängen nachgeht und sie realhistorisch
untermalt, reflektiert er die Gebrochenheit des Lebenssinns, die Kreuzwege
der Entwicklungsmöglichkeiten. Er will so auch der
fachwissenschaftlich-historischen Biographik die Anregung geben, sich von
der ex post konstruierten Teleologie historischer Lebensläufe zu lösen[xxxii].
Sprache und Kunst heben sich nicht von der Realität ab, sondern bilden
die Realität selbst, sind ihr Teil[xxxiii].
Ein weiter intertextueller Horizont von Interpretationen soll dadurch eröffnet
werden. Historien konservativer, liberaler oder sozialistischer Sinngebung
treten gleichberechtigt nebeneinander, denn sie sind in ihrem Charakter
„essentiell rhetorisch“[xxxiv],
entspringen „persönlicher Produktion“[xxxv],
beziehen nur daraus ihre Autorität. Darum ist es nach postmoderner
Auffassung nicht möglich, einen Meister-Kode, eine maßgebliche
Interpretation zu privilegieren, die allein im Namen der Realität zu
sprechen vorgibt, aber eigentlich nur sich ihres Publikums bemächtigen
will: Wie die Poetik muß sich auch die historische Praxis ändern und die
intertextuell gebotene Variationsbreite möglicher Interpretationen
erproben. Wie
aber steht es, wenn die sprachanalytisch begründete Partikularität je
gleichwertiger Geschichtsentwürfe von den narrativen Monographien und
Biographien auf die ersten und ursprünglichen Texte, auf die
archivalischen Quellen und Dokumente, übertragen wird? Das Problem spitzt
sich zu, wenn zugleich die äußere Realitätskomponente der Kontextualität,
die Annahme einer Realgeschichte, welche die Texte beeinflußt oder
hervorgebracht habe, unbeachtet bleibt, wenn folglich auch die von der
Renaissance bis zum nachrankeanischen Historismus übliche Epochen- und
Chronologiestruktur ihrer Grundlage beraubt wird. Robert Berkhofer z.B.
geht davon aus, daß analog zu den „Meta-narratives“ und „Meta-stories“
mit Bezug auf die Dokumente von „meta-past“, „Ur-Text“ oder „meta-source“
gesprochen werden könne: Die Voraussetzungen, die den Quellen
intertextuelle Evidenz und Legitimität für die Erzählung des
Vergangenen als Geschichte verleihen würden, seien analog den
synthetischen Konstruktionen aufzufassen, die die eigentlichen
Geschichten, die „meta-stories“, konstituieren würden[xxxvi].
Durch welche näheren Angaben kann dieses magische „meta“ definiert
werden, das aber als rationales Postulat sich nahelegt, wenn das dem
Bezeichneten zugrundeliegende „Reale“ („referent“) nur noch als
das Intelligible angesehen werden darf[xxxvii]? Während nach der
traditionellen Auffassung die Infrastruktur historischen Arbeitens auf dem
forscherlichen Umgang mit der im Material der Quellen bereitgestellten
historischen Substanz ruht,
die Superstruktur im geschriebenen historischen Text entsteht, bezieht die
postmoderne Theorie dazu eine konträre Position: Die im Grunde
linguistischen mentalen Protokolle („mental protocols“) bilden die
Infrastruktur, die Fakten dagegen das superstrukturelle Material, das
verwendet wird, um zum Ausdruck einer strukturellen Vision („structural
vision“) zu gelangen: „rhetoric, or more generally mental and
linguistic conventions, are primary, [...] consequently, they
are the actual sources of historical work“[xxxviii].
Geschichtsschreibung befaßt sich nicht mit der Vergangenheit als solcher,
sondern mit der Art und Weise, wie dem zutiefst sinnentleerten Trümmerschutt
der Vergangenheit Deutungen verliehen werden. Hans Kellner bezieht sich
auf Friedrich Schiller und Nietzsche als Gewährsleute eines (anscheinend
schon einmal dagewesenen) Geschichtsverständnisses, die Historie als
Gegenstand aktiver und kreativer Kontemplation, Intuition, fast Träumerei
definiert. „There
is no story there to be gotten
straight; any story must arise from the act of contemplation“. Die
„Rhetorik der Forschung und Evidenz“ wird von den jeweiligen
„Prinzipien der Auswahl und Modellierung“ regiert. Während
diese Hinweise auf mentale und linguistische Vorgänge und Konventionen,
auf Selektionsprinzipien und Bezeichnungsstrategien[xxxix]
selbst erläuterungsbedürftig sind, wird die herkömmliche,
„realistische“, quellenfundierte Erzählung unter den
Ideologie-Verdacht des „Objektivismus“ gestellt. Berkhofer und andere
nennen es eine konventionelle und willkürliche Übung, historische
Kommunikation als Faktualität zu kodieren, dh. deren Inhalte referentiell
und realistisch wiederzugeben, so als ob das Bezeichnete wirklich
existierte. Aber wenn uns in der Geschichte nur das Bezeichnete oder
Intelligible begegnet und nichts Reales, was beglaubigt dann die
postmoderne Behauptung über den Tod der herkömmlichen
Geschichtswissenschaft oder ihre notwendig gewordene Transformation? Und
mit welcher Begründung ist eine sprachliche Kodierungskonvention der
anderen vorzuziehen? Die wohlfundierte Methode der Quelleninterpretation,
Dokumente primär inhaltlich zur Kenntnis zu nehmen, könnte bei dem vom
Postmodernismus proklamierten Pluralismus der Kodierungskonventionen
zumindest ebensoviel Gültigkeit beanspruchen wie andere „mentale
Protokolle“ oder Inventionen! Doch
mehr als das: Die ausgebildete historische Methodologie hat gute Argumente
für sich, die sie gegen das prognostizierte Sterben der
„humanistischen“ Historie zu wappnen vermögen. Die Übertreibung der
zweifellos gegebenen erkenntnistheoretischen Aporien, die kein „past out
there“[xl], außerhalb der Texte,
anerkennt, führt in eine subjektivistische Selbstverkapselung, die
bestenfalls noch das unschlüssige Nebeneinander arbiträr kodierter
Extrapolationen zuläßt[xli].
Dagegen hat das inhaltsorientierte Arbeiten mit den Dokumenten keineswegs
jenes in sich geschlossene „objektivistische System“ hervorgebracht,
dessen es von den Postmodernisten geziehen wird. Es ergaben sich durchaus
vielfältige Geschichtsinterpretationen und Geschichtsbilder und innerhalb
dieser wieder Ansätze einer Geltungshierarchie, die sich nach der
jeweiligen Quellennähe oder nach den methodischen Neuansätzen der
Darstellungen bemaß. Der von den Postmodernen angemahnte Pluralismus
wurde erreicht, insofern Befassung mit Geschichte Offenheit für das
Wahrnehmen andersartiger Erscheinungen einer uns in vielem fremd
gewordenen Vergangenheit, darüber hinaus die Relativierung von
Absolutheitsansprüchen mit sich brachte[xlii]. Welches
Erkenntnismodell hat sich gegenüber den ersten, primären Texten der
Geschichte, den „Überresten, Quellen, Denkmälern“, mit Johann Gustav
Droysen zu sprechen, besser bewährt als die Subjekt-Objekt-Relation,
obwohl zuzugeben ist, daß das „Objekt“ immer nur vermittelt die
Nachlebenden erreicht? Der Kirchenhistoriker Johann Martin Chladenius
(1710-1759) vertrat 1752 eine Auffassung seiner Zeit, wenn er unter dem
griechischen Wort Historie „sowohl die Begebenheit an und vor sich
betrachtet, als auch die Vorstellung derselben und die daraus erst fließende
Erzählung“ begriff[xliii].
Droysens „Historik“ sah als Ergebnis der von ihm in schulmäßiger
Analyse entwickelten historischen Heuristik nicht „die eigentliche
historische Tatsache“ an, sondern die Aufbereitung des „Materials“
in der Weise, daß aus diesem „das geistige Gegenbild“ der Tatsache
oder „eine verhältnismäßig sichere und korrekte Auffassung“ von
dieser gewonnen werden könne[xliv].
Der frühe bayerische Geschichtsschreiber Johannes Aventinus faßte die
Mitteilung der Historie über „das Leben der andern“ in die Metaphern
von „Spiegel“, „Ebenbild“, „Licht“ und „rechtem Grund“[xlv]. Trotz
der Reflexion auf die subjektive Auffassung oder „Vorstellung“ des
Geschehenen, das nur im Widerschein, durch „das geistige Gegenbild“
eingefangen werden könne, scheint diesen Geschichtsforschern das
Festhalten an der Subjekt-Objekt-Relation unverzichtbar zu sein. Diese ermöglicht
erst den Vermittlungsvorgang, die Perzeption oder den transzendentalen
Akt, in dessen Rahmen das Verhältnis zwischen Identität und Alterität,
Analyse und Synthese, zwischen der Materie des Nachrichtengehalts und der
Form[xlvi] seiner historischen
Komposition angesiedelt werden kann. Es erscheint als zwingend, einen
„klassischen“ Unterschied aufrechtzuerhalten: den zwischen der
Rekonstruktion historischer Sachverhalte anhand der Dokumente, zwischen
der Feststellung der Tatsachen durch die Sammlung und kritische Sichtung
der Quellen einerseits und der subjektiven Verknüpfung der Vorgänge zur
Geschichtserzählung andererseits. Um in der postmodernen Terminologie zu
bleiben, so handelt es sich hier wie dort um verschieden synthetisierende
oder kodierende Verfahren. Ebenso gewinnt die seit Droysen eingeführte
Unterscheidung zwischen den unmittelbar vorhandenen, unwillkürlich
erzeugten Quellen, d.h. den aus ihren jeweiligen Gegenwartszwecken
entstandenen Überresten, und den zum Zweck der Erinnerung verfaßten
Traditions-Quellen gerade dann an Bedeutung, wenn die innere Struktur der
Texte und ihre Kontextualität im postmodernen Geschichtsdiskurs so stark
betont werden[xlvii].
Die kritische Edition von Überrest-Quellen, den unverdächtigsten
Zeitzeugen vergangener Fakten und Geschehnisse, dürfte von der
Destruktion der Narrativen am wenigsten getroffen werden. Unter diesem
Aspekt ist es nicht als konservativ zu werten, daß Editionen weiter einen
großen Anteil am Arbeitsprogramm historischer Kommissionen in Deutschland
haben[xlviii].
Indes fehlt eine erkenntniskritische Theorie der (nach Elton) „primären“
historischen Dokumente. Auszugehen wäre dabei unter anderm von der durch
die professionelle Geschichtsschreibung stets geforderten Beachtung des
Abstands zwischen der Dokumentation von Ereignissen und ihrer Bewertung. Sprache,
so wird ebenfalls in der Diskussion mit den Postmodernen geltend gemacht,
ist nicht das einzige Konstituens beim Aufbau des sozialen Lebens und
existiert nur neben einer Fülle anderer, nicht-linguistischer Einflüsse[xlix].
Folglich gibt es noch andere Zugänge zur Vergangenheit dieses Lebens als
diejenigen, die wir interpretativ dem textuellen Medium auferlegen, in
welchem die Vergangenheit zu uns spricht. Eine bloße Sammlung von Daten,
Vorgängen und singulären Betreffen kann uns mehr interessieren als das
geistreichste narrative Konstrukt. Welchen Stellenwert räumen die
Postmodernisten der einfachen Neugier und Entdeckerfreude, der
Gespanntheit auf Neues und Unbekanntes ein, mit denen historische Arbeit
so oft beginnt? Geschichte stellt Erfahrungswerte auf vielen Gebieten,
darunter „dauerhafte Lebenserfahrung, praktische Lebensweisheit“,
bereit[l].
An ihnen erweist sich, daß es wahre und nachweislich falsche Kodierungen
von Realität gibt. Auch das Gedächtnis, die Erinnerung bildet ein höchstens
sprachlich vermitteltes Kontinuum zwischen Vergangenheit und Gegenwart,
das allerdings der Historisierung bedarf. Eine Quellengattung wie die
Memorien eröffnete für ein interessiertes Publikum erste Dimensionen des
Geschichtlichen[li].
Später bildeten Dynastien, Staaten, Nationen, Großgruppen von Kultur-
und Religionsgemeinschaften und Parteien, Städte und Kommunen ihr
historisches Gedächtnis aus. Dessen Aufbau und Auslotung ist nicht allein
textuell präformiert, sondern hängt von vielerlei wechselnden Einflüssen
und Zeitumständen, aber auch vom kontinuierlichen Wachstum der
gesammelten Daten und Schriften ab.
IV.
Fazit
und Ausblick
Die
postmoderne Geschichtstheorie hat mancherlei beherzigenswerte Anregungen
gegeben. Die fast ausschließlich textliche, sprachliche Vermittlung der
historischen Ereigniskomplexe ist ernst zu nehmen. Ihre sprachliche
Erzeugung durch die Subjekte oder Betroffenen geschichtlicher Prozesse
sollte bei Interpretationen berücksichtigt werden. Naive Rezeptionen sind
zumal bei absichtlich, zu Erinnerungszwecken erzeugten Dokumenten mehr als
problematisch; das lehrte indes schon die moderne Geschichtsmethodik. Die
Interpretationshorizonte können nicht auf die koäval-realhistorische
Kontextualität der jeweiligen Epochen beschränkt werden. Die Eigenart
der Texte und ihrer inneren Kodes sollte ebenso Berücksichtigung finden
wie ihre Dechiffrierung oder Neukodierung durch die subjektive Lektüre
des zeitlich situierten Historikers. Bestimmte narrative Komponenten sind
als (Selbst-)Entwürfe zu qualifizieren, nicht als Wiedergabe von Realität.
In der Tat: viele Texte ergeben viele Geschichten aus unterschiedlichen
Gegenwartsperspektiven. Die der Vielfalt von Sprache und Ausdruckssinn zu
verdankenden Geschichten lassen sich nicht in ein starres und gleichförmiges
Korsett der Rationalität schnüren[lii]. In
der Tat kann ein bestimmter, seit der Aufklärung eingeschlagener Weg zu
einer beliebig konstruierten „Moderne“ nicht zum einzigen Königsweg
gekürt, alles andere dem Reaktionsverdacht ausgeliefert werden. Die
vielen Sinnstiftungen, die in historischen Erzählungen zustande kommen,
konkurrieren miteinander. Eine Pluralität der Narrativen ergibt sich aus
dem freien Spiel der Kräfte, ohne sie wäre die Historiographie
langweilig. Daraus
lassen sich auch für die Archive wichtige Folgerungen ziehen: Wird doch
deren Hauptaufgabe unterstrichen, das Archivgut, soweit es für
historische Aufbereitung relevant werden kann, möglichst breit zu
konservieren. Beispielsweise wäre es angesichts des von der Postmoderne
besonders unterstrichenen Nebeneinanders der Deutungsperspektiven
unvertretbar, das in die Archive gelangende Basismaterial gemäß
bestimmten, eng definierten sozialen, kulturellen oder politischen Prioritätensetzungen
zu reduzieren oder zu kassieren. Der Archivar sollte seine Aufgabe darin
sehen, der zukünftigen Forschung das Kulturgut seiner und früherer
Zeiten möglichst umfassend zur Verfügung zu stellen, um nicht von
vornherein beschränkte, die Vergangenheit verfälschende Deutungshoheiten
zu präjudizieren. Auf
der anderen Seite kann auch die postmoderne Geschichtstheorie von der bewährten
Methodologie der Historiker lernen. Die Erzählung ist durch den
wissenschaftlichen Fortschritt nicht um ihren Wert gebracht. Der
Sprachwandel als Kulturphänomen bedarf selbst einer Geschichte, einer
Erklärung seiner historischen Prozeßhaftigkeit, die anstelle von
„’Ursachen’“ im naturwissenschaftlichen Sinne“ oder der
„’Evolution’ eines Naturobjekts“ ein „Gesetz der Freiheit der
Sprache“, wonach ein Kulturobjekt gestaltet wird, anerkennt[liii].
Die postmodernen Chaos-Theorien vom Welten- und Geschichtslauf sind selbst
ideologieverdächtige Meta-Erzählungen. Diskontinuität
setzt Kontinuität voraus, wie eine durchaus bedrohte Kontinuität der
Bundesrepublik Deutschland nach der Zäsur von 1945, aus der Gründerkrise
der Bundesrepublik, erwuchs. Die Brüche in der historischen Entwicklung
sollten sicherlich mehr Beachtung finden. Aber in dieser ist auch für das
Erbe oder die Tradition Platz, Werte, die rational gesteuerter Pflege bedürfen. Daß
die bisherige Historiographie Anwältin der „single history“ sei, ist
eine in das Reich der Fabel gehörende These. Die angeblich so
teleologische, auf dem Humanismus beruhende neuzeitliche und moderne
Geschichtswissenschaft brachte vielmehr eine Fülle von „single
histories“ hervor, deren Wahrheitsgehalte nach ihren immanenten
Voraussetzungen, nach den Regeln der Logik, nach ihren Verhältnissen zum
epochalen Kontext und ihrer Quellennähe zu beurteilen sind. Läßt sich
hier auf eine Hierarchie, eine Gradualisierung hinsichtlich der Wahrheitsnähe
verzichten, läßt sich Objektivität wirklich nur über möglichst viele
Erzählungen und Interpretationen, ein Universum von Narrativen erreichen,
wie Ankersmit unter Rückgriff auf die Leibniz’sche Monaden- und
Substanzenlehre vorschlägt[liv]? Die
eingeführten fachspezifischen Forschungsmethoden bedürfen sicherlich
neben ihrer Bewahrung der Verfeinerung. Aber die Postmodernen müssen sich
die Aufforderung gefallen lassen, die rhetorischen oder konventionellen
Gehalte der Narrativität oder der Primär-Texte, auf die sie soviel Wert
legen, zu konkretisieren, zu erläutern, gar anthropologisch zu begründen:
Dazu gehören jeweils fachspezifisch gebrauchte Figuren der Bildersprache
wie Metapher, Tropos, Topos, Metonymie, Synekdoche, Perspektive,
Handlungsrahmen oder die Haltung der Ironie[lv].
Handelt es sich hier etwa um „ideae innatae“? Deckt das weite Feld des
„Rhetorischen“ („rhetorical history“) auch den Aufweis
theoretischer Diskurse in der Geschichte der historisch-politischen
Wissensfächer[lvi]
ab? Wenn dem so ist, wo soll die Grenzlinie zur „rhetorischen“
Kodierung der Erzählungen von konkreten Vorgängen, statt von
Buchinhalten, gezogen werden? Historische
Identität und Individualität stellen keine beliebig kodierten, multiplen
Konstrukte dar; deshalb kann der in der Geschichte handelnde Mensch nicht
nur als Spielball von Interessen, Bedürfnissen, Begierden, Umwelteinflüssen
oder Macht, aller inneren formativen Kräfte entbehrend, dargestellt
werden[lvii].
Grundvoraussetzung geschichtlichen Arbeitens bleibt, wie auch von
postmoderner Seite zugegeben wird, die Distinktion zwischen der „documentary
reconstruction“ verflossener Geschichten und dem Dialog, der mit der
Vergangenheit geführt wird[lviii].
Wie die Postmodernen von den Historikern eine Art poetischer Freiheit,
jedenfalls mehr schöpferische Phantasie fordern, um, traditionell
gesprochen, die Vielfalt der Geschichte einzufangen, so könnte wieder
eine andere Tendenz Stärkung finden, die Authentizität in der Literatur
zur Richtschnur erhebt, den Roman etwa als authentischen Bericht[lix]
und wahre Geschichte vorstellt. Der
Diskurs mag den Historikern auch zu Bewußtsein bringen, wie sehr ihr
Metier, das nicht auf Rekonstruktion zu verengen ist, mit der
humanistischen und christlichen kulturellen Prägung der europäisch
beeinflußten Kulturkreise zusammenhängt. Noch die säkularisierten
historischen Erzählungen zeugen von einem kulturellen oder
zivilisatorischen Wagnis, von der Entscheidung für eine strukturierte,
von personhaften Kategorien und übergreifenden Zusammenhängen her
verstandene Zeit und Welt. Im Blick auf Gegenwart und Zukunft erscheint
auch die postmoderne Verabschiedung der Fortschrittsidee als voreilig,
bekennt diese doch den modernen Wert der Freiheit in Wissenschaft und
Gesellschaft, ein hohes Gut, das alle wie selbstverständlich für sich
beanspruchen[lx].
Anmerkungen:
[i] Umberto Eco, Das offene
Kunstwerk, Frankfurt a.M. 1973, S. 214 (ital.: Opera operta,
1962), unter Berufung auf den Zen-Buddhismus (mit seiner Einstimmung
auf die Wandelbarkeit, Unbestimmtheit, die entgleitende Paradoxie des
Universums) und Ludwig Wittgensteins analytische Philosophie. Vgl. zum
Vordringen des Zen in der westlichen Kultur und zu seiner Lehre der
„interconnectedness“ und „nonduality“, auch seiner Ablehnung
angeblich rigider Begriffe von Recht und Unrecht: Charles S. Prebish
and Kenneth K. Tanaka (Ed.), The Faces of Buddhism in America,
University of California Press, Berkeley and Los Angeles/CA 1998, S. 293f.
- Ich danke Prof. Ernst Breisach, Kalamazoo/MI, für freundlich gewährte
Hinweise. [ii] Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 21988, S. 186f., 46-48, 69-72. [iii]
Anna Green and Kathleen Troup, The houses of history. A critical
reader in twentieth-century history and theory, Manchester University
Press 1999, S. 297ff. [iv]
Zur Diskussion über Saussures Anteil am (Post-)Strukturalismus: Derek
Attridge,
Language as history / history as language: Saussure and the romance of
etymology, in: Derek Attridge, Geoff Bennington, Robert Young (Ed.),
Post-structuralism and the question of history, Cambridge University
Press, Cambridge u.a. 1987, S. 183-211. [v] Das Werk La Condition postmoderne. Rapport sur le savoir, erschien erstmals in Paris 1979 (für den Universitätsrat der Regierung von Quebec angefertigte „Gelegenheitsarbeit“), deutsch: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hrsg. v. Peter Engelmann, Graz-Wien 1986 (1. dt. Ausg. in der Zeitschrift Theatro machinarum 3/4, 1982); englisch: The Postmodern Condition, 1884. [vi]
Jean-François
Lyotard, The Postmodern Condition (Auszug), in: Keith Jenkins (Ed.),
The Postmodern History Reader, London-New York 1997, S. 36-38;
vgl. Gabrielle Spiegel, History, historicism and the social logic of
the text in the Middle Ages, in: Jenkins, Reader, S. 180-203. [vii] Vgl. Welsch, Moderne, S. 39-43, 227-233; ders. (Hrsg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne - Diskussion, Weinheim 1988 (mit ausführlicher Bibliographie), Einleitung, S. 37f.; vgl. Lyotard, Das postmoderne Wissen, S. 57ff., 71-75: Kultur aus Verdichtung der Sprechakte. [viii] Leslie A. Fiedler, Überquert die Grenze, schließt den Graben! Über die Postmoderne, in: Jörg Schröder (Hrsg.), Mammut März Texte 1 u. 2, 1969-1984, Herbstein 1984, S. 673-697, wieder abgedruckt bei Welsch (Hrsg.), Wege, S. 57-74, 68f.; erstmals veröffentlicht: Cross the Border - Close the Gap, in: Playboy (Dez. 1969). Vgl. Andreas Huyssen, Postmoderne - eine amerikanische Internationale?, in: Andreas Huyssen, Klaus R. Scherpe (Hrsg.), Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Reinbek 1986, S. 13-44: Huyssen, Welsch und andere weisen auf das komplizierte, nicht nur gegensätzliche Verhältnis zwischen Moderne und (vorwiegend ästhetisch-literarischer) Postmoderne hin, die sich auch mit der Avantgarde identifizierte. Allgemein zur Begriffsgeschichte: Michael Köhler, ‚Postmodernismus’. Ein begriffsgeschichtlicher Überblick, in: Amerikastudien 22/I (1977). Mit Aufsätzen zum Postmodernismus: Theorie/Literaturkritik/Fiktion/Lyrik, S. 8-18. [ix] Welsch, Moderne, S. 39f. 267ff., 320-323, 327; ders. (Hrsg.), Wege, S. 10, 13f. [x] Helmut Heißenbüttel, 13 Hypothesen über Literatur und Wissenschaft als vergleichbare Tätigkeiten, in: ders., Über Literatur. Aufsätze, München 1970, S. 195-204. [xi]
The Coming of the Post-Industrial Society. A Venture in Social
Forecasting, New York 1973, deutsch: Die nachindustrielle
Gesellschaft, Frankfurt a.M.-New York 1985; vgl. Welsch,
Moderne, S. 26-31. [xii] Madan Sarup, Identity, Culture and the Postmodern World, ed. by Tasneem Raja, Edinburgh University Press 1996, S. 96, 100f., 120-129; Fredric Jameson, Postmoderne - zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus, in: Huyssen, Scherpe (Hrsg.), Postmoderne, S. 45-102, 80f. - Aus marxistischer Sicht erschien die „Warenästhetik“ noch als Verführung zum Unpolitischen: Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik, Frankfurt a.M. 1980 (11971), S. 185-193. [xiii] Robert Young, White Mythologies. Writing History and the West, London and New York 1999 (11990), S. 174f. - Die Diskussion zwischen Marxismus und Postmoderne, die vor allem in England geführt wird, bleibt im Folgenden ausgespart. [xiv] Wie Anm. 6. [xv] Jenkins, Reader, Einleitung, S. 9. [xvi] Nietzsche, genealogy, history, in: Jenkins, Reader, S. 124-126 (Jenkins rechnet Foucault allerdings zu den Kritikern an „history in the lower case“). [xvii] Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874), in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), über das Studium der Geschichte, München 1990, S. 154-181. Hier verlangt Nietzsche eine Historie „im Dienst des Lebens“ (S. 164), eine Form der „kritischen, das heißt richtenden und verurteilenden Historie“ (S. 170), und „daß die Kenntnis der Vergangenheit zu allen Zeiten nur im Dienste der Zukunft und Gegenwart begehrt ...“ sei (S. 175). [xviii]
Foucault, Nietzsche, genealogy, history, S. 126. [xix] Leopold Auer, Zum Wahrheitsproblem in der Geschichte, in: Festschrift Hanns Leo Mikoletzky (Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25), Wien 1972, S. 507-516, 508f. unter Rückgriff auf Hans-Georg Gadamer. Vgl. dagegen F.R. Ankersmit, Narrative Logic. A Semantic Analysis of the Historian’s Language, The Hague-Boston-London 1983, S. 183-196: Selbstidentität sei notwendige Bedingung für Geschichtsschreibung, die die Anerkennung einer Sphäre außerhalb meiner selbst zur Voraussetzung habe; da aber nur „formal“, nicht „material inferences“ von den Eigenerfahrungen möglich sind, betreffen historische Diskussionen über Charakteristika von Epochen z.B. nicht die „Existenz“ von etwas in der Vergangenheit Gegebenem (S. 193, 195). [xx] Johan Huizinga, Die historische Idee (1934). Druck bei Fritz Stern (Hrsg.), Geschichte und Geschichtsschreibung. Möglichkeiten, Aufgaben, Methoden. Texte von Voltaire bis zur Gegenwart, München 1966 (englische Ausg. 1956), S. 295-311, 296: „Der Mensch als solcher, isoliert betrachtet, (ist) niemals eine historische Erscheinung, niemals also Objekt der Geschichte ... Historische Einheit wird er nur in der Lebenslage, in die er gestellt ist, in dem Zusammenhang mit seiner Umgebung und seiner Zeit, im Verkehr mit seinen Mitmenschen und in seinem Schicksalslauf.“ J. Huizinga (1872-1945) wurde vor allem durch sein von Intuition zeugendes Werk „Herbst des Mittelalters“ (1919) bekannt. [xxi] Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Baden-Baden 1974 (11971; franz.: Les mots et les choses, 1966), S. 439-447. [xxii]
Jean Baudrillard, The Illusion of the End (1992), in: Jenkins, Reader,
S. 39-46, vgl. ebd. die Einleitung S. 33f.; Jean Baudrillard,
The Ecstasy of Communication, in: Hal Foster (Ed.), The Anti-Aesthetic.
Essays on Postmodern Culture, Port Townsend/WA 1984, S. 126-134;
Jean Baudrillard, Die Illusion des Endes oder der Streik der
Ereignisse. Aus dem Französischen von Ronald Voullié, Berlin 1994
(franz. L’illusion de
la fin ou la Grève des événements, Paris 1992), S. 9-22,
139ff. [xxiii] Winfried Becker, Ansätze der Geschichtstheorie vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, in: Philipp Schäfer (Hrsg.), Die Rationalität der Wissenschaft. Ein Symposion an der Universität Passau vom 27.10.-29.10.1993, Weiden 1994, S. 143-168,154. [xxiv] Geoffrey Elton, Return to essentials, in: Jenkins, Reader, S. 175-179; ähnlich entschieden widerspricht der These vom „Tod der Geschichte“ Gertrude Himmelfarb, Telling as you like it: postmodernist history and the flight from fact, in: ebd., S. 158-174. [xxv] „Unzählige Millionen Menschen lebten und leben in der Zeit, sprachen und sprechen von der Zeit, und meinen, wenn sie die Frage hören, was ist Zeit, die Antwort auf der Zunge zu haben: und kein Sterblicher hat noch ausgesagt, was die Zeit ist, und kein Sterblicher weiß es, was die Zeit ist“. Adalbert Stifter, Der Silvesterabend. [xxvi] Karl Löwith,
Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen
der Geschichtsphilosophie, 2. Aufl. Stuttgart 1953 (1. Ausg.
Meaning in History,
The University of Chicago Press 1949), S. 180-189. [xxvii] Elizabeth Ermarth, Sequel zu history, in: Jenkins, Reader, S. 47-64, 52f. [xxviii] So Welsch, Moderne, S. 183, 189f. („Polytheismus der Werte“ nach Max Weber, „Desillusionierung der Monotheismus-Wünsche“ als Anliegen). [xxix]
Zit. nach Hans Kellner, Language and historical representation, in:
Jenkins, Reader, S. 127-138, 137; Nancy F. Partner, The New
Cornificius. Medieval History and the Artifice of Words, in: Ernst
Breisach (Ed.), Classical Rhetoric and Medieval Historiography,
Kalamazoo/MI 1985, S. 5-59, scheint eher eine Mittelposition
einzunehmen. [xxx] Arthur C. Danto,
Analytische Philosophie der Geschichte. Übersetzt von Jürgen
Behrens, Frankfurt a.M. 1980 (1. Ausg. Analytical Philosophy of History, Cambridge University Press 1965),
S. 230f., 27f., 394f. [xxxi] Dominick LaCapra, Geschichte und Kritik. Autorisierte Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ludwig Hirt, Frankfurt a.M. 1987 (engl.: History and Criticism, 1985), S. 114-119. [xxxii] Dieter Kühn, N. Nachwort von Helmut Scheuer, Stuttgart 1995, S. 129-150, 132ff. [xxxiii]
F.R. Ankersmit, Historiography and postmodernism, in: Jenkins,
Reader, S. 277-297, 284, 287. [xxxiv]
Kellner, Language, S. 137. [xxxv]
Robert Berkhofer, The Challenge of poetics to (normal) historical
practice, in: Jenkins, Reader, S. 139-155, 152. [xxxvi] Berkhofer, Challenge, S. 150f. [xxxvii]
So Roland Barthes in seinem Essay The Discourse of History (1967),
kritisch besprochen von Geoff Bennington und Robert Young,
Introduction: posing the question, in: Attridge, Bennington, Young
(Ed.), Post-structuralism, S. 1-11, 3f.; Teilabdruck von R. Barthes,
Discourse of History, bei Jenkins, Reader, S. 120-123. [xxxviii] Kellner, Language, S. 135-137,
daraus S. 136f. die weiteren Zitate. Vgl.
Jean-François
Lyotard, The sign of history, in: Attridge, Bennington, Young (Ed.),
Post-structuralism, S. 162-180, 163: „philosophical discourse
obeys a fundamental rule, namely that it must be in search of its rule
... its rule is that what is at stake is its rule“. [xxxix] Berkhofer, Challenge,
S. 151; Jenkins, Reader, S. 10-13, 18f. (Introduction) unter
Bezug auf Dominick LaCapra, Hayden White, Peter Novick und andere
Autoren; also doch Verbindlicheres als „game“ und „art“ oder
bloße Rolle des „Historian as homo ludens: history as re-creation“.
Partner, Cornificius, S. 34. [xl]
Spiegel, History, historicism, S. 196. [xli]
Kellner, Language, S. 137 will immerhin die auf “realistische
Repräsentation”, auf die Autorität der Dokumente gegründeten
Werke nicht verwerfen: “it is rather to read them in a way that
reveals that their authority is a creation effected with other sources,
essentially rhetorical in character”. [xlii] Thomas Nipperdey, Wozu noch Geschichte? (1975), in: Hardtwig, Studium, S. 366-388. [xliii] J.M. Chladenius, Allgemeine Geschichtswissenschaft (1752), auszugsweise gedruckt bei Hardtwig, Studium, S. 12-17,12. [xliv] Johann Gustav Droysen, Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hrsg. v. Rudolf Hübner, 7. Aufl. München-Wien 1974 (11937), S. 338f. (§36), 335 (§28), 332-335 (§20-26). Droysens „Grundriß der Historik“ erschien erstmals 1858, in einer überarbeiteten Druckfassung 1882. [xlv] Baierische Chronik, geteutscht und gemacht durch Johannem Aventinum, Frankfurt a.M. 1566 (weitere Ausgaben 1580, 1622, 1882/84 im Rahmen der von der Münchener Akademie der Wissenschaften veranstalteten Gesamtausgabe von Aventins Werken); hier benutzt: Johannes Aventinus, Baierische Chronik. Im Auszug bearb. u. mit Einleitung von Georg Leidinger, Jena 1926, S. 1-9. [xlvi] Vgl. Wilhelm G. Jacobs, Formal-Material, in: Hermann Krings, Hans Michael Baumgartner u. Christoph Wild (Hrsg.), Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Studienausgabe, Bd. 2, München 1973,S. 457-465. [xlvii] Mit den Worten des englischen Reformationshistorikers und Mitherausgebers der New Cambridge Modern History G.R. Elton, The Practice of History, 5. Ausg. 1982 (11967), S. 101ff. „What survives from the past was put together either by someone who wished it to survive, or by someone who had a purpose to serve in which the prospect of the historian’s interest played no part“. Behandlung mehr der Chronik bei Danto, Analytische Philosophie, S. 185-231. Darwin betrachtet die „fossilen Überreste als Urkunden naturgeschichtlicher Erkenntnis“. Reimer Hansen, Die Historisierung der Natur und der Naturwissenschaften, in: U. Luig, H.D. Schulz (Hrsg.), Natur in der Moderne. Interdisziplinäre Ansichten, in: Berliner Geographische Arbeiten 93 (2002), S. 39-56, hier S. 46f. [xlviii] Vgl. Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Jahresbericht 2001, München 2002, S. 1-17. [xlix] Neville Kirk, History, language, ideas and postmodernism. A materialist view, in: Jenkins, Reader, S. 315-340 (mit vielen Hinweisen zur Forschung über die Sozialgeschichte Englands im 19. Jahrhundert); Spiegel, History, historicism, S. 196f.; zum Wirken von Erinnerungskultur auf verschiedenen Ebenen sozialen Kontextes: Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte. Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Konrad H. Jarausch, Martin Sabrow (Hrsg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt a.M. - New York 2002, S. 39-73. [l] Konrad Repgen, Vom Nutzen der Historie, in: Amalie Fössel u. Christoph Kampmann (Hrsg.), Wozu Historie heute? Beiträge zu einer Standortbestimmung im fachübergreifenden Gespräch, Köln-Weimar-Wien 1996, S. 167-183, 178. [li] Vgl. Hans-Werner Goetz, Proseminar Geschichte. Mittelalter, Stuttgart 1993, S. 167-171; Otto Gerhard Oexle, Memoria, Memorialüberlieferung, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, München-Zürich 1993, Sp. 510-513. [lii] Friedrich Jaeger u. Jörn Rüsen, Geschichte des Historismus. Eine Einführung, München 1992, S. 3ff., korrelieren den Rationalitätsbegriff mit dem der Modernisierung. [liii] Eugenio Coseriu,
Synchronie, Diachronie und Geschichte. Das Problem des Sprachwandels.
Übersetzt von Helga Sohre, München 1974 (1. Ausg.
span., Montevideo 1958), S. 203f., 23ff. [liv]
Ankersmit, Narrative Logic, S. 235-243. [lv] Philippe Carrard, Poetics of the New History. French historical discourse from Braudel to Chartier, The Johns Hopkins University Press, Baltimore and London 1992, S. 220-222; Ankersmit, Narrative Logic, S. 197-226; Partner, Cornificius, S. 37. Danto zeigt sich sehr auf die - leicht destruierbare - Erzählform der Kausalität konzentriert. [lvi] So der Sprachgebrauch
(u.a. „rhetorical roots of international relations“ - Theorien von
internationalen Beziehungen 1850-1939) in Barry J. Ballecks
Rezension des Buchs von Brian C. Schmidt, The Political Discourse
of Anarchy. A
Disciplinary History of International Relations, State Univ. of New York
Press, Albany/NY 1998, in: The Review of Politics 60/4 (1998), S. 818-820. [lvii] Vgl. Madan Sarup, An Introductory Guide to Post-Structuralism and Postmodernism, Second Edition New York 1993, S. 73f. (mit Bezug auf Foucault). [lviii] Zugeständnis LaCapras, aufgegriffen von Spiegel, History, historicism, S. 203 Anm. 58. [lix] Ein Beispiel dafür die „Fallstudie“ über einen (fingierten) Ort in Colorado (von der Urzeit bis zur Gegenwart) des Pulitzer-Preisträgers James A. Michener, Colorado Saga, Roman, München 1985 (u. 1974; engl. u.d.T. Centennial, New York 1974). Der Verfasser konsultierte zur Schilderung der geographischen, ethnischen, sozialen und politischen Hintergründe seines Epos über 100 Experten aus Museen, Universitätsinstituten, Archiven und (örtlichen) historischen Kommissionen. [lx] So Ernst Breisach,
Historiography. Ancient,
Medieval and Modern, Second Edition, The University of Chicago Press,
Chicago-London 1994 (11983), S. 408-410 (Epilogue).
Prof.
Dr. Winfried Becker Universität
Passau Lehrstuhl
für Neuere und Neueste Geschichte 94030 Passau winfried.becker@uni-passau.de
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