Aufruf zur Mitarbeit - Call for papers:

Archive und Archivare in Nationalsozialismus und Nachkrieg

 

Die Rolle deutscher Archive und Archivare im Nationalsozialismus ist in jüngster Zeit vereinzelt ins Sichtfeld der historischen Forschung gerückt: Die Debatte um die ‚Ostforschung’, ausgelöst auf dem Historikertag in Frankfurt 1998, hat Persönlichkeiten wie Albert Brackmann und Johannes Papritz als aktive Förderer von nationalistischer Politik der zwanziger und dreißiger Jahre gezeigt. Im Zuge des Aufschwunges von Studien über Plünderungen und Verschleppung von Kulturgütern im Zweiten Weltkrieg ist zudem die Tätigkeit deutscher Archivare in den besetzten Gebieten sichtbar geworden. Erste Pionierarbeiten haben außerdem die politische Rolle archivischer Institutionen während der Jahre 1933 bis 1945 untersucht. Ihre Autoren widmeten der Behandlungen jüdischen Schriftguts und der Ausgrenzung jüdischer Archivare und Benutzer besondere Aufmerksamkeit. Selten haben sie jedoch in Ausblicken die politische Zäsur des Jahres 1945 überschritten. Es ist es an der Zeit, die Geschichte des deutschen Archivwesens im zwanzigsten Jahrhundert mit besonderem Fokus auf die Jahre des Nationalsozialismus, die Besatzungszeit und den Übergang in die beiden deutschen Staaten systematisch zu bearbeiten. Damit rückt endlich die Geschichte jener Berufsgruppe auf die Forschungsagenda, die seit Jahrzehnten mit Forschungsvorhaben zur Aufarbeitung des NS-Regimes konfrontiert und aktiv befaßt ist, dabei allerdings die Geschichte des eigenen Berufsstandes ‚vergessen’ hat.

 

Das Jahr 1933 war für die meisten wissenschaftlichen Archivare kein Bruch. Sie mußten nicht mit Druck von außen an die “neue Zeit” herangeführt werden, weil sie mit wenigen Ausnahmen in ihren politischen Grunddispositionen bereits nationalkonservativ bis nationalistisch, republikskeptisch bis republikfeindlich verfaßt waren. Vielmehr stellte Albert Brackmann schon 1934 fest, daß “die deutschen Archivverwaltungen [...] begriffen [haben], daß eine neue Zeit auch für sie heraufzieht, und sie sind bemüht, ihr gerecht zu werden.” Ihm lag daran, den Archivare einen Platz unter den “geistigen Kämpfern für Volk und Heimat” zu sichern. Daher ist es nur konsequent, nach dem Verhältnis des Berufsstandes und seiner führenden Persönlichkeiten zum Nationalsozialismus zu fragen. Herauszuarbeiten wären die initiativen und reaktiven, in jedem Falle jedoch systemstützenden und -konformen Dienste deutscher Archivare. Das Erkenntnisinteresse kann dabei nicht länger auf “Affinitäten” oder “Verstrickungen” gerichtet sein. Stattdessen muß man davon ausgehen, daß sich das nationalsozialistische Herrschaftssystem aus systemstützenden Diensten verschiedener Berufsgruppen anteilig konstituierte. Der Nationalsozialismus erscheint so betrachtet nicht länger als ausgereifte Ideologie oder Herrschaftsform, die in geschützte Räume wie Universitäten, Archive oder Berufsverbände von außen “einbrach”. Vielmehr scheinen komplexe Prozesse von aktiver Rezeption und Mitgestaltung, von Adaption und Resignation, sowie Interessen- und Weltanschauungskongruenzen vorzuliegen. Sich dem systemkonstituierenden Anteil des deutschen Archivwesens während der NS-Zeit zu nähern, ist das Ziel des Projekts. Die politischen Zäsuren der Jahre 1933 bis 1945 sollen dabei keineswegs die Begrenzung der Untersuchung sein. Vielmehr muß sowohl vor 1933 als auch nach 1945 ausgegriffen werden, um Kontinuitäten und Brüche sichtbar zu machen.

 

Daraus ergeben sich einige Leitfragen als Möglichkeiten einer Annäherung an das Thema: Inwieweit wurden die neuen politischen Rahmenbedingungen aktiv instrumentalisiert, um bereits existierende archivpolitische Ziele umzusetzen (z. B. Zentralisierung des Archivwesens)? An welcher Stelle erschlossen die politischen Rahmenbedingungen neue Handlungsräume, die von Archivaren ausgefüllt wurden (z. B. Repertorisierung ausländischer Archivbestände für die deutsche Forschung)? Wann begaben sich Archivare in größte Nähe zur (Mit-)Täterschaft (z. B. Erfassung der jüdischen Personenstandsakten; “Ariernachweis”)? Wie wirkte sich die antisemitische Gesetzgebung auf den Berufsstand aus, wie gingen Archivare damit um (z. B. Vertreibung; Ausschluß jüdischer Benutzer)? Wie weit ging die Bereitschaft, aus ideologischen und opportunistischen Gründen methodische Grundsätze zu kompromittieren (z. B. Anwendung des bestandszerstörenden Pertinenzprinzips in besetzten Gebieten und erhöhte Kassationsbereitschaft in besetzten Gebieten Osteuropas)? Wo lagen die Grenzen der Interessenkongruenz zwischen archivfachlichen Grundsätzen und politischen Vorgaben?

 

Als besonders vielversprechend erscheint die Fortführung der Untersuchung in die Besatzungszeit und die Anfänge der beiden deutschen Staaten hinein. Die alliierten Entnazifizierungsverfahren zwangen auch die Archivare zu einer mehr oder minder verdeckt ausgetragenen Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit und der eigenen Biographie. Wie beurteilten sie den Nationalsozialismus, ihre eigene Rolle darin und jene der exponierten Vertreter ihrer Zunft? Wurden “Lehren” aus der Vergangenheit gezogen, und wenn ja, in welchen Bereichen schlugen diese sich nieder? Welche Spielart von “Vergangenheitspolitik” betrieben die führenden Archivare in den frühen Jahren der Bundesrepublik? Eine Untersuchung des institutionellen und personellen Wiederaufbaus in den Besatzungszonen muss auch die Rolle alliierter Archivoffiziere berücksichtigen. Das deutsche Archivwesen sah sich nach Kriegsende erstmals einer Art Evaluation von außen, einem “fremden Blick” ausgesetzt. Im Abschnitt zur Zeit nach 1945 sollten die Wege der Umerziehung, Demokratisierung und Umgestaltung des Archivwesens in den Zonen bzw. beiden deutschen Staaten zur Sprache kommen.

 

Der VdA ruft zur Mitarbeit und Anregung bei der Aufarbeitung der dargestellten Thematik “Archivare im Nationalsozialismus und Nachkrieg” auf. Bitte machen Sie uns Vorschläge zu Themen und Autoren, um ein Projekt genauer planen zu können. Denkbar sind die nachfolgenden Themenbereiche, die als Anregungen und nicht als Vorgaben anzusehen sind:

 

 

1. Institutionen

 

Die Archive im Dritten Reich – die Archivsparten und regionale Schwerpunkte:

Staatsarchive (Reichsarchiv, Militärarchiv, Politisches Archiv, Preußen, Baden, Bayern, Sachsen, Thüringen, Württemberg, Kommunalarchive, Wirtschaftsarchive, Kirchenarchive, Sonstige Archive.

 

Archivtage und Berufsständische Vereine: Archivtage als Diskussionsforen oder Gleichschaltungsopfer, Archivtage und Propaganda, Statuten und Änderungen der Vereinsstruktur, Umsetzung des “Führerprinzips”, Säuberungen der Mitgliederzusammensetzung, Mitteilungsblatt der preußischen Archivverwaltung zwischen Fachaufgabe und politischem Instrument

 

Ausbildungsstätten zwischen Fachausbildung und nationalsozialistischer Ideologie? Berlin – Ausbildungsstätte und Ostforschung als Schwerpunkte, Weimar – Ausbildung in Thüringen, München – Ausbildung in Bayern, Institut für österreichische Geschichtsforschung nach dem Anschluss Österreichs

 

Archivische Tätigkeiten im besetzten Europa – Archivgut als Beutegut: Frankreich, Belgien, die Niederlande; Polen, Sowjetunion, Tschechoslowakei; sonstiges besetztes Europa; Österreich

 

2. Personen: Gebliebene und Vertriebene – Biographien und Sammelbiographien

 

3. Archivfachliche Themen

 

Archivwissenschaft und archivische Fachaufgaben unter dem Hakenkreuz: Pertinenz und Provenienz, Ordnung und Erschließung im Dienste des Nationalsozialismus? Bewertungsfragen unter politischen Gesichtspunkten? Steuerung der Benutzung; Archivalienschutz als Schutzmaßnahmen oder Vorwand zur Beschlagnahmung?

 

Archive, Archivare, Ideologie und Rassismus: Erstellung von sachthematischen Inventaren und genealogische Forschung aus rassistischen Gründen: Judaica, “Ariernachweis”; NS-Ideologie in der Archivwissenschaft oder Versuche der Abschottung?

 

Archivare und Partei: Mittäter, Mitläufer, Mit-Opfer ? Archivare als Beamte und die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums; Archivarsberuf als “politische Nische”, als Rückzugsmöglichkeit? – gab es archivarischen “Widerstand”? Archivare als Kooperationspartner von Partei, SS, SD, Gestapo ; NS-Parteiarchive als Überarchive ? Konkurrenz und Zuständigkeit zwischen Parteiarchiven und Archiven anderer Träger; Die Archivare der NS-Parteiorganisationen.

 

Archivare und Öffentlichkeit: Akzeptanz des Archivars im NS-Staat, in der Partei, in der Öffentlichkeit; Einfluss von Archivaren auf Einrichtungen im NS-Staat; politische Motivation von Ausstellungen und Projekten

 

Archivare und Wissenschaft: Zeitlose und zeitspezifische historische Wissenschaft? Ost- und Westforschung und neue, ideologische Wissenschaftszweige?

 

4. Reflexion

 

Archivare im Nachkrieg – Der Weg in die Bundesrepublik und DDR

Entnazifizierung, Rechtfertigung, Schuld und Verantwortlichkeit; Der fremde Blick: Beurteilungen des deutschen Archivwesens durch alliierte Archivoffiziere; Neuaufbau des Archivwesens in der französischen Zone und der südwestdeutsche Archivtag, ebenso in britischer, amerikanischer, sowjetischer Zone; Zwischen Abwehr und Adaption: Wege der Umerziehung und Demokratisierung

 

 

Ansprechpartner für den Vorstand des VdA

 

Für Anregungen, konkrete Vorschläge und Rückfragen wenden Sie sich bitte an:

Dr. Dieter Speck, Universitätsarchiv Freiburg, Werthmannplatz 2, 79098 Freiburg oder Postfach 1629, 79016 Freiburg

email: dr.speck@uniarchiv.uni-freiburg.de

 

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