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Neujahrsbrief an die Mitglieder des VdA
Sehr verehrte Mitglieder unseres Berufs- und Fachverbandes,
liebe Archivarkolleginnen und -kollegen,
mit einem Goethewort habe ich vor einem Jahr auf die Herausforderungen der nunmehr hinter uns liegenden 365 Tage des Jahres 2003 hingewiesen. Daß dieser „durchgeistigte“ deutsche Dichter und Beamte heutzutage nicht mehr mit „entgeisterten“ Zeitgenossen auf Quoten- und Bestenlisten konkurrieren kann, hält mich nicht davon ab, den Alten aus Weimar hin und wieder zu bemühen. Also heute dieses Eingangszitat von Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) für meinen Neujahrsbrief 2004:
Dem Klugen, Weitsichtigen zeigt fürwahr sich oft Unmögliches noch als möglich.
Ob diese Weisheit allerdings ausreicht, auf alle Unmöglichkeiten, die uns mehr denn je begegnen, angemessen zu reagieren? Unsere „Fuldaer Erklärung“ vom 12. September 2003 zeigt uns mit aller Deutlichkeit, von woher uns „Fallstricke“, die unsere berufliche Fachkompetenz einengen wollen, drohen. Ich wiederhole an dieser Stelle gern aus meiner Eröffnungsrede auf dem 74. Deutschen Archivtag in Chemnitz diese Sätze:
In den historischen Archiven bestimmten bis in das 19. Jahrhundert hinein die Juristen das Geschehen. Erst mit der Französischen Revolution, von der man sagt, dass sie die „archivalischen Menschenrechte“ begründet habe, traten Historiker als Archivare an deren Stelle und wählten aus, was als historische Quelle in öffentlichen Archiven dauernd aufzubewahren ist. Wir müssen uns heute dagegen wehren, dass die Kameralistik festlegt, wie die archivalische Überlieferung in unserer Gesellschaft künftig gebildet wird.
Lassen wir uns von Rechnungshofphantasien nicht beirren, sondern geben sie zur Kassation frei. Verzagtheit ist in unserem Berufsstand, der mehr als andere für die Zukunft Sorge trägt, nicht angebracht, auch wenn bei Veränderungen individuelle und kollektive Beschwernisse auftreten. Das gilt dann auch für organisatorische und strukturelle Entwicklungen im Archivbereich, zu denen in der Gegenwart leider auch Schließung, Degradierung und Nivellierung von Archiven gehören. Der diesjährige Fachkongreß in Chemnitz zum Thema „Archive im gesellschaftlichen Reformprozeß“ hat in den Sektionen und Fachgruppensitzungen dazu manche Beispiele öffentlich gemacht.
Auch in diesem Jahr ist zu fragen, ob wir vom Vorstand des VdA aus alles richtig und auch gut gemacht haben? Wir können erneut auf einen erfolgreich verlaufenen Deutschen Archivtag in Chemnitz (30. September bis 3. Oktober 2003) verweisen, der zwar weniger Teilnehmer als in den zurückliegenden Jahren aufwies, aber die angereisten Mitglieder und Gäste sicher an manchen Stellen positiv überrascht hat. Gern wiederhole ich den in der Mitgliederversammlung coram publico ausgesprochenen Dank an den nicht kleinen Kreis von Organisatoren und Mitbeteiligten. Dem Archivtag selbst hat man die Mühen der Vorbereitung und seiner Organisation vor Ort nicht angemerkt.
Unsere Homepage (www.vda.archiv.net) ist weiterhin das Kommunikationsmittel Nr. 1 für unsere Mitglieder. Aber auch die Fachzeitschrift „Der Archivar“ berichtet regelmäßig in der Mitteilungsrubrik des VdA über die Vorstandsarbeit, zu der nicht nur die zweimal im Jahr stattfindenden Sitzungen, sondern auch die Tätigkeit von Ausschüssen und vor allem die individuelle Arbeit aller mit einer Funktion ausgestatteten Vorstandsmitglieder im Ehrenamt über das ganze Jahr hinweg gehört. Die
Geschäftsstelle in Weimar und deren für die Bewältigung der Mitgliedsfragen zur Verfügung stehende „Hilfstruppe“ schließe ich darin ein.
Nachdem wir im Jahr 2002 den Rückstand in der Drucklegung der Tagungsbände von den Deutschen Archivtagen aufgeholt hatten, sind wir 2003 in die „Überholspur“ gegangen. Bereits vor dem Chemnitzer Archivtag konnten alle Mitglieder den Tagungsband des 73. Deutschen Archivtages in Trier in der Hand halten. Für den neuen Tagungsband – es wird der neunte sein in der Reihe der Beibände zum „Archivar“ – haben wir uns vorgenommen, ihn bereits Mitte August 2004 vorzulegen, damit er als Beitrag des deutschen Archivwesens auf dem XV. Internationalen Archivkongreß in Wien wahrgenommen wird.
Dieser große Weltkongreß der Archivare findet im vor uns liegenden Jahr vom 23. bis 29. August im benachbarten Österreich statt, was den Vorstand bewogen hat, 2004 auf einen Deutschen Archivtag zu verzichten. Es soll vielen deutschen Archivarinnen und Archivaren Gelegenheit gegeben werden, wegen der kürzeren Wegstrecke einem solchen internationalen Ereignis in der kleinen Welt der archivarischen Profession beiwohnen zu können. Wären da nicht die leidigen Kosten! Unsere österreichischen Kolleginnen und Kollegen werden sicher gute Gastgeber sein, zumal bei diesem Archivkongreß auch Deutsch eine der Kongreßsprachen sein wird. Der VdA wird sich im Rahmen der nationalen Archivarsverbände präsentieren und an einer speziellen Initiative der Arbeitsgemeinschaft der mitteleuropäischen Archivarsverbände beteiligt sein.
Im kommenden Frühjahr bis zu den Sommerferien werden wieder die regionalen Archivtage kommunikative Bindeglieder unter unseren Mitgliedern und darüber hinaus für das gesamte Archivwesen sein. Auch einzelne Fachgruppen haben ihre traditionellen Frühjahrstagungen geplant. Die bestehenden Arbeitskreise werden nicht untätig bleiben. Zu ihnen gehört nun auch der im zurückliegenden Jahr konstituierte „Arbeitskreis Ausbildung Fachangestellte“. Und im Bereich der Landesverbände hat es mit der Gründung in Hessen einen erfreulichen Zuwachs gegeben.
Im nächsten Herbst haben wir erneut Gelegenheit, auf unsere Arbeit bundesweit aufmerksam zu machen, wenn am 25. September 2004 der TAG DER ARCHIVE begangen wird. Der erste Aufruf des VdA zur Beteiligung ist im Juli 2003 als Beilage zur Fachzeitschrift „Der Archivar“ erschienen und auf der Homepage des VdA nachlesbar. Weitere Aufrufe und Informationen werden folgen. Wir sind guter Hoffnung, daß sich viele unserer Archive in Stadt und Land am 25. September 2004 dem breiten Publikum öffnen. Sorgen Sie mit dafür, daß auch dieser „Tag der offenen Tür“ mindestens so erfolgreich wie der von 2001 wird.
Zuletzt wollen wir noch einmal über unseren deutschen Tellerrand in die Welt hinaus schauen. Unter der Überschrift „Die Welt von Rom aus gesehen“ hat eine Nachrichtenagentur am 24. November 2003 gemeldet, daß der Papst das Rücktrittsgesuch des achtzigjährigen obersten Archivars im Vatikanstaat angenommen und an seiner Stelle den um zwanzig Jahre jüngeren Jean-Louis Tauran, bisher Sekretär für die Beziehungen zu den Staaten, ernannt hat. „Vatikanbeobachter äußerten sich erstaunt über die Verwendung in relativ bedeutungsloser Position des verdienten Außenministers“, heißt es in dieser Agenturmeldung. Und an anderer Stelle wird die Übertragung der Leitung des Vatikanischen Archivs als „Kaltstellung“ kommentiert! Da fällt mir nichts mehr ein. Der Vorsitzende des VdA sieht die Welt von Weimar aus und sagt mit Goethe:
Wir alle leben vom Vergangnen und gehen am Vergangnen zugrunde.
Das neue Jahr möge allen Glück und Erfolg im persönlichen Leben und im beruflichen Wirken bringen. Gesundheit und Wohlergehen im Jahr 2004 wünscht Ihnen aus Weimar ganz herzlich
Ihr Prof. Dr. Volker Wahl
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