Presse-Information zum 72. Deutschen Archivtag

18. bis 21. September 2001 in Cottbus

 

 

I. Der VdA - Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V.

II. Die Deutschen Archivtage

III. Die Fachmesse "Archivistica"

IV. Der 72. Deutsche Archivtag in Cottbus

 

 

I. Der VdA - Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V.

 

Der VdA wurde als "Verein deutscher Archivare" am 11. Dezember 1946 in Bünde in Westfalen gegründet. Er ist die Vereinigung von Archivarinnen und Archivare aller Fachrichtungen der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinen derzeit ca. 2.200 Mitgliedern ist der VdA der größte Archivfachverband in Europa. Er untergliedert sich in folgende 8 Fachgruppen:

 

1. staatliche Archive

2. kommunale Archive

3. kirchliche Archive

4. Privatarchive (insbes. Adelsarchive)

5. Wirtschaftsarchive

6. Parlaments- und Parteiarchive

7. Medienarchive (Presse-, Film-, Funk- und Fernseharchive)

8. Hochschularchive und Archive wissenschaftlicher Institutionen

 

Bedingt durch die föderale Struktur des politischen Systems der Bundesrepublik sind die Archive der einzelnen Länder, der Kommunen und sonstigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen grundsätzlich fachlich und organisatorisch selbständig und unterstehen keinerlei zentralen Leitung. Dem VdA als übergreifendem Fachverband kommt daher sowohl die Aufgabe der Koordination der einzelnen archivischen Fachbereiche zu, als auch die Vertretung der fachlichen Interessen des Archivwesens gegenüber Staat, Verwaltungen und Öffentlichkeit im nationalen wie im internationalen Raum.

 

Den Vorsitz des VdA führt seit 1.10.1993 Ltd. Landesarchivdirektor Dr. Norbert Reimann, Leiter des Westfälischen Archivamtes beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster. Dort befindet sich auch die Geschäftsstelle des Vereins (Adresse: Westfälisches Archivamt, Jahnstraße 26, D-48133 Münster, Tel. 0251 / 591-3886, Fax 0251 / 591-269 - E-Mail: reimann@vda.archiv.net). Stellvertretender Vorsitzender ist seit 1997 der Direktor des Thüringischen Hauptstaatsarchivs in Weimar Dr. habil. Volker Wahl.

 

Das Fachorgan des VdA ist die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Der Archivar", herausgegeben vom Hauptstaatsarchiv Düsseldorf. Schriftleitung: Dr. Peter Dohms, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Schloß Kalkum, D-40489 Düsseldorf.

 

Der Verein deutscher Archivare veranstaltet jährlich den Deutschen Archivtag und gibt Fachveröffentlichungen zum Archivwesen heraus. Von diesen ist besonders zu nennen das Verzeichnis "Archive in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz" (16. Auflage Ardey-Verlag, Münster 2000), das die Anschriften von ca. 3.500 Archiven im deutschsprachigen Raum enthält.

 

 

II. Die deutschen Archivtage

 

Die Einrichtung der Deutschen Archivtage ist wesentlich älter als der VdA. Bereits 1899 fand die erste nationale Archivfachtagung in Straßburg, das damals zum Deutschen Reich gehörte, statt. Bis zum Ende des letzten Krieges wurden die Tagungen von einem eigens für diesen Zweck geschaffenen "Ständigen Ausschuß" ausgerichtet, seit 1949 vom VdA. Ziel dieser Tagungen war und ist noch heute der fachliche Gedankenaustausch, die Erörterung der Probleme der archivischen Überlieferungsbildung (Bewertung, Ordnung und Erschließung von Archivgut) sowie die Vermittlung von neuen Erkenntnissen der Archivtechnik (Lagerung, Konservierung, Restaurierung, Verfilmung, EDV-Einsatz etc.). Der Deutsche Archivtag ist mit einer regelmäßigen Teilnehmerzahl zwischen 650 und 1.000 Personen der größte Archivfachkongress in Europa.

 

Thematisch gruppieren sich die Referate und Diskussionen in Plenarsitzungen, Sektionssitzungen, Fachgruppensitzungen und Arbeitskreise um ein übergreifendes Thema, das aktuelle Fragen oder besondere Schwerpunkte der archivischen Arbeit aufgreift. Innerhalb des Deutschen Archivtags findet auch jeweils die Mitgliederversammlung des VdA statt.

 

Traditionell eng mit dem Archivwesen verbunden ist die landesgeschichtliche Forschung, die personell zu einem erheblichen Teil von Archivaren geleistet wird. Aus diesem Grunde findet in der Regel zusammen mit dem Deutschen Archivtag auch der "Tag der Landesgeschichte" statt, der vom Gesamtverein der Geschichts- und Altertumsvereine ausgerichtet wird. Diese landesgeschichtliche Tagung orientiert sich ebenfalls an einem Rahmenthema, das sowohl der mittelalterlichen wie auch der neuzeitlichen oder neuesten Landesgeschichte gewidmet sein kann und unter dem vorgegebenen Aspekt die landschaftlich unterschiedliche Entwicklung in den Regionen Deutschlands aufzeigen will.

 

Seit der "Wende" haben die Deutschen Archivtage in folgenden Städten stattgefunden:

1990 Karlsruhe

1991 Aachen

1992 Berlin

1993 Augsburg

1994 Dresden

1995 Hamburg

1996 Darmstadt

1997 Ulm

1998 Münster

1999 Weimar

2000 Nürnberg

 

 

III. Die Fachmesse "ARCHIVISTICA"

 

Dem Kongress zugeordnet ist die "ARCHIVISTICA - Fachmesse für Archivtechnik". Sie ist die einzige Fachmesse ihrer Art in Europa. Auf ihr stellen Unternehmen und Organisationen Produkte und Dienstleistungen für den gesamten Archivbereich vor. Hierzu gehören vor allem Regalbaufirmen, Hersteller und Lieferanten von Maschinen, Geräten und Material für Restaurierung, Klimatisierung und Verpackung, Serviceunternehmen aus dem Bereich Mikroverfilmung, Kopierung und Reproduktion. Einen besonderen Schwerpunkt bilden seit mehreren Jahren Anbieter von Hard- und Software für Informationsverwaltung und Dokumentenmanagement. Natürlich fehlen auch Fachverlage mit Publikationen aus den Bereichen Archivierung und historischer Forschung nicht.

 

IV. Der 72. Deutsche Archivtag in Cottbus

 

Zum ersten Male in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte findet der Deutsche Archivtag in diesem Jahr in einer Stadt des heutigen Landes Brandenburg, und zwar in Cottbus, statt. Er steht unter dem historisch wie politisch interessanten und aktuellen Rahmenthema

 

Archive und Herrschaft

 

Generell soll es um die Frage gehen, welche Wechselwirkungen zwischen politischer Herrschaft und archivischer Arbeit bestehen. Hierbei soll der Bogen der zu erörternden Fragen möglichst weit gespannt sein. Innerhalb der vier Themengruppen, die in den Sektionen behandelt werden, können bzw. sollten nach Möglichkeit jeweils sowohl historisch-politische, wie auch archivtheoretische und archivpraktische Aspekte angesprochen werden.

 

An der Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch, dem 19. September, um 10 Uhr im Großen Saal des Messe- und Congresscentrums Cottbus CTM werden der Cottbuser Oberbürgermeister Kleinschmidt sowie der Staatssekretär des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur Dr. Helm teilnehmen. Den Einleitungsvortrag bei der Eröffnungssitzung hält Professor Dr. Jochen Frowein, Heidelberg, zum Thema "Archive und Verfassungsordnung". Professor Frowein ist Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht sowie Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft. Er gehörte zu den "Drei Weisen", die im vergangenen Jahr im Auftrage der EU zur Situation in Österreich Stellung genommen haben.

 

Am Nachmittag schließen sich vier zeitgleiche Sektionssitzungen zu folgenden Themenbereichen an:

 

Sektion I: Archive und Archivare im totalitären Staat

 

"Archive und Archivare als Bewahrer und Aufbereiter der Zeugnisse der Vergangenheit sind untrennbar mit der Geschichtsschreibung verbunden. Um so erstaunlicher erscheint es, dass sie ihrer eigenen Historie verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit schenken" B so Torsten Musial in seiner 1996 erschienenen, richtungsweisenden Dissertation "Staatsarchive im Dritten ReichA. Eine kritische Wertung der Vergangenheit erfolgte weder in der BRD noch in der DDR. Dies ist nicht zuletzt in der personellen Kontinuität im deutschen Archivwesen begründet, die auch in anderen Berufsgruppen zu analogen Phänomenen führte. Ziel dieser Sektion soll es jedoch nicht sein, eine personenbezogene Verhaltens- und Schulddiskussion zu führen. Interessanter erscheint vielmehr die Fragestellung nach der Folge dieser Kontinuität für die Archivwissenschaft der gegenwärtigen Bundesrepublik: Gab und gibt es eine unreflektierte B d. h. ihrem historischen Kontext entkleidete - Übernahme wissenschaftlicher Positionen? Einige Beispiele gegenwärtig offener Fragestellung mögen dies veranschaulichen: Lässt sich die B mit wenigen Ausnahmen B "unpolitische" Archivwissenschaft der Bundesrepublik als Reaktion auf eine Politisierung einiger ihrer wichtigsten Vertreter in der NS-Zeit verstehen? B Ist das Organismusprinzip Brennekscher Prägung gänzlich unbeeinflusst von seiner Entstehungszeit zu verstehen? B Sind Entwicklungsstränge liberaler Positionen durch die Verdrängung von Archivaren wie Alex Bein, Ernst Posner etc. gekappt worden? B War auch die Archivwissenschaft der DDR von dieser Kontinuität beeinflusst?

 

Sektion II: Überlieferung von Minderheiten

 

Nationale, ethnische und sprachliche Minderheiten haben sich in Deutschland und als Deutsche im Ausland gegenüber der "Herrschaft" im Sinne des Themas unseres Archivtages behaupten müssen. Ihr Weg von der Verfolgung und Ausgrenzung über die Toleranz und den Schutz zur Gleichberechtigung und Förderung spiegelt sich nicht nur in den Archiven der "Herbergsstaaten und -kommunen". Minderheiten haben teils unter schweren Bedingungen, in eigener Trägerschaft oder auf privater Basis ihre speziellen Archivstrukturen entwickelt und besondere Archivbestände über ihre Einrichtungen und das Schicksal ihrer Mitglieder aufgebaut. Bei ihren Aufgaben der Sicherung waren und sind sie vielfach auf die Kooperation mit lokalen Institutionen und internationalen Einrichtungen auch nicht fachlicher Art angewiesen. Ihre Existenz war und ist immer wieder gefährdet. Die breitere Kenntnis über das Archivwesen von Minderheiten kann zur Stabilisierung ihrer Verhältnisse beitragen. Unter diesen Prämissen soll die Sektionssitzung neben historisch-politischen Aspekten der Archivgeschichte Beiträge sowohl zur theoretischen wie zur praktischen Archivarbeit von Minoritäten bieten. In den Referaten sollten dementsprechend die überlieferten Spezialarchive von Minderheiten in Deutschland und deutschen Minderheiten im Ausland vorgestellt und zum einen die Besonderheiten ihrer Entwicklung und ihrer charakteristischen Bestände sowie zum anderen die Möglichkeiten ihrer Benutzung und wissenschaftlichen Auswertung hervorgehoben werden.

 

 

Sektion III: Verlagerte, verlorene, vernichtete Archive

 

Die kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts haben die Archive nicht verschont, sondern sie waren, wie nachdrücklich das Beispiel des II. Weltkrieges, aber ebenso Vorgänge aus der jüngsten Vergangenheit im ehem. Jugoslawien zeigen, von den Kampfhandlungen betroffen und in ihrer Existenz gefährdet. Zu den Folgen gehören mit unterschiedlichen Zielsetzungen Auslagerung, Plünderung, Erbeutung und Zerstreuung von Beständen bis hin zu ihrer teilweisen oder vollständigen Vernichtung. Ebenso haben Veränderungen von Staatsgrenzen, die u. U. mit der Vertreibung der bisherigen einheimischen Bevölkerung verbunden waren, Auflösung oder Neugründung von Staaten ihre Auswirkungen auf die Zuordnung von Archivbeständen gehabt und im internationalen Bereich zu vielfachen und langwierigen Verhandlungen über archivische Zuständigkeitsregeln geführt. Im Rahmen der diplomatischen Verhandlungen um "kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter" spielen auch Archivalien eine Rolle. Für das Sektionsprogramm ist daran gedacht, sowohl aussagekräftige Einzelbeispiele B einzelne Archive bzw. Archivbestände aus Deutschland und anderen europäischen Ländern B darzustellen als auch systematische Aspekte der angedeuteten Thematik zu erörtern. Historische Rückblicke sind zum Verständnis der verschiedenartigen archivischen, rechtlichen und politischen Probleme erforderlich, aber darüber sollen die gegenwärtigen Problemlagen und eventuelle Möglichkeiten zu ihrer Lösung aus archivfachlicher Sicht nicht vernachlässigt werden.

 

Sektion IV: Archive und Wiedergutmachung

 

Archivische Arbeit ist nicht nur direkt durch politische Rahmenbedingungen in vielfacher Weise beeinflusst, sondern muss sich in starkem Maße auch mit den Folgen politischer Herrschaft auseinander setzen. Insbesondere Opfer politischer Herrschaft, die ihre Ansprüche auf Rehabilitierung und Wiedergutmachung durchzusetzen versuchen, sind auf die in den Archiven vorhandenen Quellen angewiesen. Die letzten zehn Jahre seit der Wende haben dies in vielfacher Weise deutlich gemacht. Waren es zunächst Anträge auf Eigentumsrückgabe und politische Rehabilitierung, die besonders die Archive in den neuen Bundesländern belasteten, so sind z. B. von der in jüngster Zeit aktuell gewordene Problematik der Zwangsarbeiter und der Rückerstattung jüdischen Kulturgutes Archive aller deutschen Länder und aller Sparten B neben Staats- und Kommunalarchiven z.B. auch Wissenschafts-, Unternehmens- und Kirchenarchive B betroffen. In der Sektionssitzung könnten sowohl Erfahrungen im Umgang mit dieser Problematik wie auch Erkenntnisse über grundsätzliche Auswirkungen auf die archivische Arbeit dargestellt werden

 

 

Am Donnerstag morgen finden Fachgruppensitzungen der unterschiedlichen Archivsparten statt sowie die Mitgliederversammlung des VdA, auf der u.a. eine neuer Gesamtvorstand und ein neuer Vorsitzender für die kommenden vier Jahre gewählt wird.

 

Am Donnerstag Nachmittag folgt eine Gemeinsame Arbeitssitzung zum Thema "Archive und Öffentlichkeit". In Ergänzung des gedruckten Programms wird auf dieser Sitzung ein Vertreter der BStU über den aktuellen Stand der Diskussion um die Zugänglichkeit der Stasi-Akten berichten.

 

Die Themen der Vorträge sind dem beiliegenden Programm zu entnehmen. Nähere Informationen zu den einzelnen Referate enthalten die beigefügten "Thesenpapiere"

 

Auch in diesem Jahr ist mit dem Archivtag der "Tag der Landesgeschichte" verbunden, der am Donnerstag, dem 21. September Stadtverordnetensaal stattfindet. Er steht unter dem Rahmenthema "Außenbeziehungen deutscher Territorien und Kulturtransfer im Reich und in Europa".

 

 

 

Der Archivtag findet seinen Abschluss am Freitag mit fünf Exkursionen, die zu kulturgeschichtlichen Zielen in der Lausitz sowie nach Zielona Gora (Grünberg) in Polen führen.

 

Sämtliche Vorträge und Referate des Archivtags sowie wichtige Diskussionsbeiträge werden im Anschluss an die Tagung in einem eigenen Tagungsband, der als Sonderband der Zeitschrift "Der Archivar" erscheint, veröffentlicht.

 

Rückfragen können an das Tagungsbüro im CTM Cottbus (Tel. 0355/7542-303, Fax -304) gerichtet werden. Internet-Informationen unter www.vda.archiv.net .

 

Gesprächstermine können über diese Nummern mit dem Vorsitzenden des VdA Dr. Norbert Reimann und anderen Gesprächspartnern vereinbart werden.